Von Klaus Viedebantt

Das Maß des Schreckens war ein dürrer Ast, knapp 14 Inches lang. "So groß sind seine Tatzen", sagte Jack, "ich hab’ sie im Morast gut messen können. Es muß ein Riesenbiest sein." Unser nächster (und im 30-Kilometer-Umkreis einziger) Nachbar, der Farmer Jack Anderson, hatte die 35-Zentimeter-Spur zwei Kilometer vor unserem Camp gefunden, an einem kleinen Weiher und neben den kümmerlichen Knochenresten einer seiner Kühe. Es war ein Grizzly am Werk gewesen, kein Zweifel. Er hatte das Tier gerissen und gefressen. Die Spuren waren noch recht frisch.

Uns Wildnis-Greenhorns schauderte, aber ein wenig wollüstig war der Schrecken schon: gleich am ersten Abend im Busch ein Grizzly in Rufweite. Ein paar Stunden zuvor hatten wir noch beim Frühstück im Luxushotel in Vancouver gehockt, waren dann in die gemütliche, hochbetagte DC-3 gestiegen und über die schönen, wilden Coast Mountains dem Chilko Lake entgegengeflogen. Auf einer Sandpiste landete schließlich unsere Ahnfrau der Zivilluftfahrt; eine zweite kam in unserem Windschatten zur Erde.

Zwei Flugzeuge voller Urlauber. Wollten die etwa alle zum Survival Training? Glücklicherweise nicht, wir blieben vier für das Ferienvergnügen mit Strapazengarantie.

Die Axt im Wald

Für uns stand Mikes klappriger Pritschenwagen parat. Mike stellte sich als Instruktor vor. Er sollte uns, einem Studenten, einem Vertreter, einem Teppichkaufmann und einem Journalisten, in den nächsten zwei Wochen beibringen, wie man sich notfalls eine Weile im Busch zurechtfindet, wenn kein Hotel mehr in der Landschaft steht, kein Bus hinter der nächsten Weggabelung wartet, wenn überhaupt kein Weg mehr da ist.

Was hierzulande wie ein kapriziöser Urlaubsspaß mit Pfadfinder-Appeal aussieht, ist in Kanada nichts Besonderes. Derartige Kurse gibt es regelmäßig in allen größeren Ortschaften, und das aus gutem Grund. Der weit überwiegende Teil des Staates ist noch schiere Wildnis.