Wie weit kann die neue Regierung ihre Versuche zur Polarisierung des Landes noch treiben? Dies fragen sich auch ausländische Beobachter mit Besorgnis, seitdem die Krisen um Afghanistan und Iran dem Nato-Randstaat Portugal eine neue Wichtigkeit verliehen haben. In den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit hat Francisco Sá Carneiro oft in dem recht durchsichtigen Bemühen gehandelt, durch Taktik die Wahlchancen seiner Regierungskoalition zu verbessern: Mit Blick auf die kommunistisch kontrollierten Landreformgebiete des Alentejo und auf den "roten Landgrafen", KP-Chef Alvaro Cunhal, hat die Regierung unmittelbar nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan ihren Botschafter in Moskau abberufen. Außenminister Freitas do Amaral schäumte im Parlament über den "sowjetischen Expansionismus", als ankere die sowjetische Eskadra schon im Hafen von Lissabon.

Treu an der Seite Carters

Portugal steht heute in unverbrüchlicher Treue an der Seite Amerikas, Rasch und kompromißlos hat es einen Olympia-Boykott verkündet, weil man sich in diesen Krisenzeiten "kleinliche Rechthaberei" nicht leisten könne. Die Einreise sowjetischer Künstler wird ebenso verboten wie ein Treffen internationaler Freiheitsorganisationen auf portugiesischem Boden. Schon fürchten viele Ostblock-Journalisten, daß ihre Visa nach den Sommerferien nicht mehr verlängert werden.

Selbst die auf 84 Prozent bezifferte Abhängigkeit des Landes von ausländischen Energieimporten hat Lissabon nicht daran gehindert, den Handel mit dem Iran einzustellen: In den ersten neun Monaten des Jahres 1979 hatte das Land mit den höchsten Benzinpreisen Europas 20,6 Prozent seines Ölbedarfs aus dem Iran bezogen – nun dürfen portugiesische Schiffe nicht mehr wie bisher Zucker, Milchprodukte und Plastikerzeugnisse dorthin transportieren. Mancher Wirtschaftsexperte hält dieses Vorpreschen nicht zuletzt wegen der schwer angeschlagenen Handelsbilanz für überzogen.

Der unübersehbare Wunsch, gleich zu Beginn seiner Amtszeit politische Zeichen zu setzen, hat auch die innenpolitische Hand Sá Carneiros geführt: Rentenerhöhungen bis zu 50 Prozent und eine drastische Senkung der Einkommensteuer wurden als wirtschaftspolitische Notwendigkeiten und nur hinter dem Rücken als saftige Wahlgeschenke etikettiert. Die trotz abnehmender Kraft des Escudo vorgenommene sechsprozentige

Aufwertung der portugiesischen Währung hat die Inflation des Landes zwar von 24 auf 22 Prozent gesenkt Experten sagen einen neuen Inflationsschub spätestens nach dem Wahltag voraus.

"Wir wollen eine Regierung für die Armen und Benachteiligten sein, keine Regierung der Parteien, sondern für ganz Portugal", rief Francisco Sá Carneiro in der Stierkampfarena von Lissabon, einen Tag, nachdem er aus der deutschen Bundeshauptstadt zurückgekehrt war. Doch schon am Wochenende darauf mag die "demokratischen Cäsaren" Portugals das große Zittern überkommen haben: Durch die frühlingshaft gestimmten Straßen der Hauptstadt wälzte sich ein unübersehbarer Zug von roten Fahnen, und immer wieder war der Ruf "Viva la reforma agraria" zu hören.