Wird Mannesmann zum zweitenmal ein Opfer des Ost-West-Konflikts? Während der großen Industrieschau in Hannover machten Gerüchte die Runde, daß dem rheinischen Stahlkonzern die für die Abwicklung eines Großauftrages aus der Sowjetunion beantragte staatliche Exportkreditversicherung von Bonn verweigert werden könnte.

Das Düsseldorfer Unternehmen hat Mitte Februar – also nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan und noch vor Ablauf des ersten Carter-Ultimatums, die Truppen wieder zurückzuziehen – ein neues großes Röhrengeschäft mit Moskau abgeschlossen. Es geht um die Lieferung von 700 000 Tonnen Großrohre im Wert von rund einer Milliarde Mark. Für dieses Geschäft hat Mannesmann eine Hermes-Deckung beanträgt. Aber obwohl der Interministerielle Ausschuß, der regelmäßig alle vierzehn Tage tagt und über Exportversicherungsanträge entscheidet, inzwischen mehrfach zusammengetreten ist, wurde der Mannesmann-Antrag bisher nicht genehmigt.

Hermes wurde vor dreißig Jahren als staatliche Exportkreditversicherung gegründet. Seither hat sie eine Million Geschäfte deutscher Firmen mit einem Gesamtauftragswert von knapp tausend Milliarden Mark abgewickelt und damit vielfach erst ermöglicht. Denn wo immer deutsche Exporteure im Ausland mit wirtschaftlichen oder politischen Risiken rechnen müssen, die sie nicht alleine verkraften können, greifen sie auf die staatliche Export-Versicherung zurück.

Gegen eine entsprechende Versicherungsprämie sichert die Hermes Kreditversicherungs AG in Hamburg im Auftrag des Bundes die Geschäfte ab. Gängige Risiken im wirtschaftlichen Bereich sind Zahlungsunfähigkeit, Konkurs oder Zwangsvollstreckung beim ausländischen Partner. Im politischen Sektor sind es unkalkulierbare Risiken wie Krieg, Revolution oder staatliche Zwangsmaßnahmen des Importlandes. Dazu gehören zum Beispiel Einfuhrverbote, die zur Zeit des Geschäftsabschlusses noch nicht erkennbar waren.

In der Liste jener Länder, für die Bonn sich gegenüber deutschen Firmen verbürgt hat, steht die Sowjetunion zur Zeit mit fast 8,2 Milliarden Mark an dritter Stelle (siehe Tabelle). Obwohl die UdSSR seit den zwanziger Jahren im Ruf steht, ein außerordentlich solider Schuldner zu sein, lassen deutsche Unternehmen ihre Exporte in die Sowjetunion meist bei Hermes versichern. Das politische Risiko solcher Geschäfte liegt in diesem Fall weniger in der Zahlungsbereitschaft Moskaus als darin, daß plötzlich ausbrechende Krisen im Ost-West-Verhältnis alle Exportpläne über den Haufen werfen können. "Krisen wie die um Afghanistan entziehen sich dem kaufmännischen Kalkül", erklärte ein deutscher Maschinenbauer resignierend in Hannover. "Dadurch kann über Nacht alles zunichte gemacht werden, was in jahrelangen zähen Verhandlungen gegen starke Konkurrenz erreicht wurde."

Bei Hermes wird gar nicht bestritten, daß es zur Zeit mit der Genehmigung mancher Anträge auf Exportkreditbürgschaften "etwas länger" dauert. Das sei aber ein ganz normaler Vorgang. Weil im Interministeriellen Ausschuß nur Beamte der beteiligten Ministerien (Wirtschaft, Finanzen, Entwicklung und Auswärtiges Amt) vertreten sind, habe sich in der Vergangenheit das Verfahren herauskristallisiert, Großgeschäfte mit politisch heiklen Ländern besonders genau zu überprüfen. Das gilt auch dann, wenn der potentielle Schuldner – wie in diesem Fall die Sowjetunion – mit seiner Bonität über jeden Zweifel erhaben ist.

Genaue Prüfung heißt konkret: Die politische Leitung der beteiligten Ressorts muß eingeschaltet werden, und "bis so eine Ministervorlage dann mal beim Minister ist, vom Referenten, über den Unterabteilungsleiter, den Abteilungsleiter und den Staatssekretär, das dauert eben seine Zeit", erklärt ein Hermes-Vertreter.