ZDF, Sonntag, 20. April: "Schauplätze der Weltliteratur: Mit Schwejk in Böhmen und Österreich", Film von Gustav W. Trampitsch

Es gibt ein vortreffliches Buch, Dietmar Grieser hat es geschrieben, über die Schauplätze der Weltliteratur, und es gibt eine diesem Buch nachgedrehte Filmreihe, die sich durch Einfallslosigkeit, mangelnde Konzeption und lieblose Routinearbeit auszeichnet – eine Reihe, die mit der Bilder-Nacherzählung des Hašekschen Schwejk ihren Tiefstand erreicht. Einer der witzigsten, traurigsten und herzbewegendsten Romane der Weltliteratur – wiedergegeben in der Manier eines pedantischen Inhaltsbeschreibers. Das Panorama der Szenen, Berichte, Charakterogramme, Anekdoten – nacherzählt im schülerhaften "und dann"-Stil: "Und dann kam Schwejk nach Tabor, und dann kam er nach Budweis, und dann kam er nach Bruck" – und siehe, dann tauchte er auch schon auf, der Bahnhof von Tabor und der Marktplatz von Budweis und der Schießstand von Bruck, und auch die Konterfeis der Herren Offiziere präsentierten sich im Glanz der k. u. k. Uniformen, und damit es nicht gar zu monoton zuging, wurden zwischendurch Szenen aus tschechoslowakischen Schwejk-Filmen eingeblendet, abgelöst ihrerseits durch die berühmten Roman-Illustrationen des Josef Lada.

Aufnahmen aus der heutigen ČSSR, Filmszenchen, Illustrationen, und das Ganze, in beliebiger Reihenfolge noch einmal – so ging das, nach einem nicht minder einfallslosen ersten Teil des Bilder-Trauerspiels, Hašeks Leben betreffend, geschlagene dreißig Minuten. Und keine Interpretationen des Werkes, zwischendurch, kein Hinweis auf das Eigentliche des Buchs: daß die großen Herren zur Fußnote eines kleinen, dicken, unrasierten Manns werden, und daß sich die Maschinerie des Kriegsbetriebs mit ihren Zwangsmechanismen aller Arten (jeder Mensch ein Ding, jedes Ding zusammengesetzt aus sehr großen, mittleren, und kaum noch erkennbaren Rädern) aus der Perspektive des allmächtigen Geschichtenerzählers und Aphorismen-Darbieters Josef Schwejk als Firlefanz und absurdes Theater erweist.

Ein Hundehändler als Shakespearscher Narr, den es ins Tschechisch-Epische verschlagen hat. Das doppelte Ja des Witzemachers mit seiner verwegenen Diensteifrigkeit als donnerndes Nein. Übertriebener Gehorsam als Quintessenz der Aufsässigkeit. Volkstümliche Rede, dienstfertig scheinbar, als Verhöhnung und Provokation mit doppeltem Boden. Rede, wohlgemerkt, jene seitenfüllende, nimmer endende Rede des Hundehändlers, die während des ganzen Films kein einziges Mal apostrophiert wurde.

Kein Wunder nochmals, bei soviel nichtschwejkscher Einfalt, daß das Besondere des Buchs, das Wechselspiel von Makrokosmos (sprich: Militärapparat) und Mikrokosmos (sprich: Schwejks Phantasiewelt der Reden und Aphorismen ) niemals in den Blick geriet.

"Xenophon, ein Feldherr des Altertums", heißt es bei Hašek, "durcheilte ganz Kleinasien und kam ohne Landkarte weiß Gott wohin. Die alten Goten trafen ihre Vorbereitungen gleichfalls ohne topographische Kenntnisse." Wäre der Autor des Films in gleicher Weise verfahren und hätte über Schwejks Devise nachgedacht, daß Geradeausmarschieren am Ende zum Ziel führt: hätte er also den Kompaß des Erzählers benutzt, der, um in seiner Kunstwelt Orientierung zu schaffen; Süd zu Nord und West zu Ost erklärt und seinen Helden dennoch niemals in die Irre gehen läßt ("fortwährend geradeaus marschierend, das nennt man Anabasis"): er wäre weit gekommen bei seinem Marsch mit dem Hašekschen Schwejk im Tornister. Aber leider nahm er statt des Romans nur einen Atlas mit – und selbst der reichte nur für die eine Hälfte des Films. Hinter Bruck an der Leitha gingen auch die Kartenblätter verloren. Was Schwejk in Ungarn und Galizien erlebte: das weiß allein der Leser des Romans. Der Glückliche. Momos