Bonn, im April

An Heinrich Köppler als Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag hatte man sich zehn Jahre lang gewöhnt. Er war zur Institution geworden, mit dröhnendem Baß und freundlicher Verbindlichkeit, überall gegenwärtig und immer unauffällig. So viele Jahre an der Spitze der Opposition sind auch ein Stigma. Köppler als Regierungschef? An das Ziel, die SPD/FDP-Koalition abzulösen, die Nordrhein-Westfalen seit 1966 regiert, hatte er sich bei zwei Wahlen, in den Jahren 1970 und 1975, dicht herangearbeitet, dazwischen gab es Rückschläge für die CDU. Für diesmal mag er auf einen Durchbruch gehofft haben. Jedenfalls sprach Köppler kurz vor seinem Tod von einem "Kopf-an-Kopf-Rennen".

Heinrich Köppler, im rheinhessischen Hattenheim geboren, 54 Jahre alt geworden, hat nie ganz das erreicht, was er wollte, aber oft mehr, als ihm seine Widersacher auch in den eigenen Reihen zutrauten. Nach dem Sturz Eugen Gerstenmaiers kandidierte er, damals Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär des Innenministers Benda, für das Amt des Bundestagspräsidenten. Kai-Uwe von Hassel setzte sich durch. Kurz zuvor hatte sich Köppler um das Amt des Präsidenten des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken beworben. Er wurde zum Vizepräsidenten gewählt. Einen zweiten Anlauf zu diesem Amt brach er später freiwillig ab.

Es läßt Ähnlichkeiten entdecken, wie er seine Arbeit als Berufspolitiker und seine "hauptamtliche Tätigkeit als Berufskatholik" verstand; so hatte er einmal lächelnd diesen Teil seiner Biographie beschrieben. Der Jurist Köppler, Assistent beim Zwei-Zonen-Wirtschaftsrat, persönlicher Referent des Bundestagspräsidenten Köhler, in der katholischen Jugendbewegung aktiv und bis zum Generalsekretär des Zentralkomitees avanciert, Parteichef der CDU Rheinland, Oppositionsführer – immer war er in einem gar nicht geringschätzigen Sinne Funktionär und Sachwalter, nicht politischer Generalstäbler oder Regisseur.

Anfang der siebziger Jahre schien es so, als breche er mit Aplomb zu neuen Ufern auf. Köppler kommt, hieß es damals. Köppler schien Helmut Kohl nachzueifern. Beide kamen aus liberal-katholischem Milieu, beide wollten die CDU programmatisch auffrischen. Köppler kämpfte sich in der schwierigen CDU des Landes Nordrhein-Westfalen mit ähnlich viel Rigorosität gegen die Altvorderen nach oben wie Kohl in Mainz.

Köpplers Stärke, eine unbestreitbare Integrationsfähigkeit, kam ihm dabei zugute. Die zwei Unionsparteien, Rheinland und Westfalen, vertrugen sich nicht, die führenden Köpfe schätzten sich nicht, die politischen Positionen klafften auseinander. Köppler hat hier moderiert und geglättet. Für ihn war es ein Ausdruck von Stärke, als er 1975 zur Irritation vieler Parteifreunde mit achtzehn Namen in seiner Schattenregierungsmannschaft aufwartete. Es sollte ja möglichst jeder eingebunden werden; er war auf Harmonie aus, gegen Konflikte. Eben deshalb hat es Köppler auch gescheut, sich zu exponieren. Das machte es schwer, ihn politisch genauer einzuordnen. Manches, was wirklich schwer vereinbar ist, wollte Köppler zusammenzwingen. Er war ein Kohl-Mann, aber er hat dennoch für Strauß als die "unbestrittene Nummer eins" plädiert. Manches an Biedenkopf hat ihm nicht behagt, aber er hat dennoch die Distanz überspielt.

Kurt Biedenkopf, Vorsitzender der CDU Westfalen-Lippe, versuchte mehrfach, ihm den Führungsanspruch streitig zu machen auf zwar subtile, aber unverhohlene Weise. Zuletzt gab Köppler wohl das erfolgreiche Volksbegehren gegen die kooperative Schule noch einmal Auftrieb gegen den Rivalen aus Westfalen. Für Kritik, die in Wellen anrollte, gab es Stoff. Seine Stärken waren zugleich auch seine Schwächen. Manche betrachteten seinen Hang zum Moderieren, als das nicht mehr so gefragt war, als Makel. Schärfere Konturen wurden vermißt. Die Gefahr sei groß, hieß es einmal, daß Ministerpräsident Kühn Köppler mit in die Aura der Resignation und Abschiedsvorbereitungen einbeziehen könnte.