Von Ralf Dahrendorf

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Es ist fast zehn Jahre her, seit ein gewisser Wieland Europa in der ZEIT das Totenglöcklein für das "Erste Europa" des cartesianischen Integrationsglaubens und der absurden agrarpolitischen Realität läutete und zugleich ein "Zweites Europa" forderte, das von der Zusammenarbeit zwischen Regierungen seinen Anfang nehmen müsse. Das Pseudonym blieb nicht lange geheim: Ich hatte nie beabsichtigt, meine Autorenschaft zu verstecken, sondern nur, zwischen dem EG-Kommissar Dahrendorf und dem Autor Dahrendorf zu unterscheiden. Eine lebhafte Debatte entbrannte. Im Europäischen Parlament attackierten Sprecher aller Fraktionen mit Ausnahme der (italienischen) Kommunisten den Europa-Ketzer. Aber als ich unlängst in meinen Notizen über jene dramatischen Wochen blätterte, fand ich dort auch, daß Vertreter aller Fraktionen seinerzeit zu mir kamen, um mir zu versichern, ihre Angriffe seien nur eine Pflichtübung, in Wahrheit stimmten sie mit mir überein.

Es gibt Zeiten, in denen man lieber unrecht behält. Mir jedenfalls wäre es lieber gewesen, wenn Wieland Europa nicht recht behalten hätte. So hat er nicht nur recht behalten mit seiner Diagnose der europäischen Dinge, sondern auch noch feststellen müssen, daß Europa schon vor einem Jahrzehnt von einem gehörigen Schuß Heuchelei umgeben war. Das öffentliche Bekenntnis blieb vielfach ungedeckt durch politische Überzeugung. Europa war Mode – oder es war ein nützliches Instrument zur Befriedigung der eigenen Interessen; den Glauben an Europa aber hatte man schon lange aufgegeben.

Dunstschleier der Langeweile

Hier mag der tiefere Grund dafür liegen, daß die europäischen Dinge seither zunehmend verrottet, sind. Heute macht es nicht einmal mehr Spaß, Europa kritisch unter die Lupe zu nehmen. In der Tat haben die meisten Leser wahrscheinlich an diesem Punkt schon weitergeblättert: Über Europa hat sich der Dunstschleier der großen Langeweile gesenkt. Zwar sprechen professionelle Europa-Politiker besonders häufig und gern von der drohenden Krise der europäischen Dinge – aber wenn man die Profession hinter sich gelassen hat, fragt man sich, ob Europa, ob vor allem die Europäische Gemeinschaft überhaupt noch imstande ist, eine Krise hervorzubringen, die außerhalb von Brüssel und Straßburg zur Kenntnis genommen wird.

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