Von Aloys Behler

Dortmund, im April

Aus den Lautsprechern der Westfalenhalle schepperten die Töne der Eröffnungsmusik von den Münchener Spielen 1972: Kurt Edelhagen in concert, eine offensichtlich stimulierend gedachte Reminiszenz an den letzten Versuch, Olympia in Heiterkeit zu feiern, ehe es dann schrecklich wurde. 63 Sportlerinnen und Sportler, teils im Trainingsanzug, teils in Zivil, teils mit verlegenem Lächeln, teils ernster Miene, machten im Fackelzug die Runde durch die abgedunkelte Halle. An der elektronischen Anzeigetafel oben in der Kuppel stand, worum es ging: "Olympia lebt – eine Veranstaltung der deutschen Olympiakandidaten."

Sie waren angetreten zum demonstrativen Gänsemarsch für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau. Es war eine Veranstaltung ohne Beispiel und Vorbild, etwas außerhalb sportlicher Bravheit, Nie zuvor jedenfalls haben deutsche Sportler, wie letzten Montag in Dortmund, eine Kundgebung der eigenen Meinung organisiert – ohne Funktionäre und an den Funktionären vorbei.

Die Idee kam auf im kleinen Kreis; die Schwimmer Gerald Mörken und Jürgen Bruhn, der Leichtathlet Willi Wülbeck und der Ruderer Gabriel Konertz ergriffen die Initiative, Olympiasiegerin Annegret Richter schloß sich an. Es trieb sie das Unbehagen, als unmittelbar Betroffene in der öffentlichen Diskussion über einen Olympiaboykott nicht repräsentiert zu sein. "Politiker, Funktionäre und auch Journalisten sind ausgiebig zu Wort gekommen – jetzt sind wir mal dran!" sagte – mit dem leicht gereiften Unterton, den Olympiakandidaten in diesen Tagen haben – der Weltrekordler Gerald Mörken. Das erklärt, warum Politiker zwar eingeladen waren, aber nicht reden durften, weshalb sich folgerichtig auch keiner blicken ließ. Zufällig war Bundeskanzler Helmut Schmidt wegen eines anderen Termins in Dortmund, und so ergab sich die Gelegenheit, ihm die von den Sportlern verfaßte. Resolution mit auf den Weg zu geben.

Das Votum der Aktiven in dieser Resolution ist eindeutig: "Nach gewissenhafter Abwägung sportlicher und politischer Argumente befürwortet eine übergroße Mehrheit der Olympiakandidaten die Teilnahme einer Mannschaft des NOK für Deutschland an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Wir sind der Ansicht, daß der Sport allein kein taugliches Mittel einer politischen Demonstration sein kann. Der Sport ist der schwächste Partner zwischen Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen. Er darf nicht dazu dienen, Sanktionen, die dort ausgeblieben, und Solidaritätsappelle, die dort ungehört verhallt sind, aufzufangen."

Die Worte, verlesen vom Sprecher der Aktiven, dem Fechter Thomas Bach, wurden mit großem Beifall aufgenommen. Etwa fünftausend Menschen hatten sich zu dieser improvisierten Veranstaltung eingefunden. Es gab keinen Pfiff, keinen Zwischenruf, keinen Widerspruch, obwohl nicht nur Fans reinen Sportherzens in der Halle saßen. Politische Interessengruppen verteilten ihre Flugblätter und hängten ihre Transparente über die Balustraden. Die KPD sprang hurtig aufs Trittbrett und verkündete ihr "Ja zu Olympia und Moskau 80", der KBW und andere, die sich "Marxisten-Leninisten Deutschlands" nennen, agitierten fürs Gegenteil, eine Gesellschaft für Menschenrechte forderte "Freiheit für Sacharow" und "Freiheit für Afghanistan".