Tiefe Ratlosigkeit herrscht unter den Olympioniken. Unausweichlich rückt der Termin heran, bis zu dem allerorten im Westen die Sportler sich entscheiden müssen, ob sie dem Beispiel der Amerikaner folgen und den Spielen in Moskau fernbleiben oder nicht. Dem Nationalen Olympischen Komitee der Bundesrepublik fällt in dieser Sache offensichtlich eine Schlüsselrolle zu: Die westeuropäischen Nachbarn schielen herüber, um zu sehen, was wir machen. Das macht die Entscheidung hierzulande nicht leichter.

Der deutsche Sportführer Willi Daume sieht sich mit seinem Komitee unversehens in hochnotpolitische Verantwortung genommen. Zwar beläßt die Bundesregierung trotz ihrer Empfehlung zum Verzicht auf die Reise nach Moskau dem NOK ausdrücklich seine volle Entscheidungsfreiheit – doch damit geriet der Sport erst recht in die Zwickmühle. Lange hat Daume die Hoffnung gehegt, es werde sich schon eine dritte Lösung eröffnen. Die Hoffnung trog.

Unsere Athleten wünschen, daß Daumes NOK seine Entscheidungsfreiheit in ihrem Sinne nutzt: Sie sind in der Mehrzahl gegen einen Boykott. Doch Willi Daume hat das Wort des Bundeskanzlers im Ohr, die Regierung gehe davon aus, daß das Komitee seine Entscheidung "in Würdigung der politischen Gesamtlage" treffen werde. Die Mitglieder des olympischen Gremiums sind damit am Portepee gefaßt. Sie haben einen Beschluß von größter außenpolitischer Tragweite zu verantworten. Auf dem Spiel steht die nationale Treuepflicht im atlantischen Bündnis.

Vom Internationalen Olympischen Komitee ist in dieser Situation keine Hilfe mehr zu erwarten. Die nationalen Gremien sind auf sich allein gestellt. Am 15. Mai werden die Mitglieder des NOK für Deutschland in Düsseldorf das letzte Wort haben – Vertreter von 23 olympischen Fachverbänden mit je drei Stimmen und 31 persönliche Mitglieder mit je einer Stimme. Es ist offen, wie die Würfel am Ende fallen. Sicher ist nur eines: So oder so wird es Heulen und Zähneknirschen geben. A. B.