Interferon: Knapp und teuer, aber eine Waffe gegen Krebs

Von Günter Haaf

Der Stoff, auf dem die Hoffnung ruht, verwirrt durch eine Reihe von paradoxen Eigenschaften: Er kommt im Körper jedes Menschen, in Tieren und sogar in Tabakpflanzen vor – und dennoch vermochten alle Forscher und Firmen, der Welt nicht einmal ein einziges Gramm zu isolieren. Ein Kilogramm der raren Substanz würde derzeit fast soviel kosten, wie Bonn jährlich für die Bundeswehr ausgibt, nämlich gut 40 Milliarden Mark – und dennoch drängen sich Kranke, ein Mikro-Quentchen gegen ihre Leiden verabreicht zu bekommen. Ihre Bemühungen scheitern, was Wunder, in fast allen Fällen.

So selten der Stoff freilich ist, er zeitigt Wirkungen selbst in mikroskopisch kleinen Mengen – im Körper wie in der Öffentlichkeit, wenn auch in beiden Fällen mit Verzögerung. Schon ein einziges Molekül genügt, um eine Zelle im Körper vor einer bevorstehenden Virusattacke zu warnen und so Abwehrmechanismen auszulösen, die im Ernstfall greifen. Schon einige wenige erfolgreich behandelte Kranke genügten, um (beispielsweise) die Bild-Zeitung am Donnerstag letzter Woche seitenbreit "Hoffnung – neues Krebsmittel" plärren zu lassen, obgleich der Stoff schon seit 23 Jahren bekannt ist; Interferon.

Interferon – das ist mehr als nur eine Bild-Tinte, aber auch weniger als ein "Wundermittel" gegen die Gebrechen dieser Welt, allen voran Krebs. Das unheilschwangere Wörtchen "Krebs" war es, das Interferon in den letzten Jahren aus dem Dunkel der Labors ins grelle Licht der Schlagzeilen zerrte. Zwei Jahrzehnte lang mühten sich wenige Wissenschaftler, die in Versuchen mit Labortieren und Zellkulturen verheißungsvollen Abwehrkräfte des Interferons gegen Viren auch für Menschen nutzbar zu machen: Ohne großes Aufsehen und ohne großen Erfolg suchten sie nach Mitteln, die – ähnlich wie Penicillin gegen Bakterien – der Virenbekämpfung dienen können. Denn gegen diese kleinsten aller Organismen ist noch immer kein Kraut gewachsen.

Erst nach zwanzig Jahren horchte die Welt auf. Denn vereinzelte Experimente zeigten plötzlich, daß Interferon offensichtlich auch das Wachstum von Tumorzellen hemmt. Interferon blieb zwar immer noch Mangelware – aber nicht mehr das Geld aus den Forschungsfonds. Zwei Millionen Dollar warf die Amerikanische Krebsgesellschaft im August 1978 für den Kauf von Interferon aus, bis 1980 kamen weitere 3,8 Millionen Dollar hinzu: gerade genug, um an 150 Patienten mit vier unterschiedlichen Krebsleiden klinisch kontrollierte Studien durchzuführen. Das staatliche Nationale Krebsinstitut der USA will nun 10,4 Millionen für weitere Untersuchungen zuschießen. "Diese großen Beträge", wiegelte die American Cancer Society Ende März ab, "sollten nicht so verstanden werden, als ob Interferon notwendigerweise viele Leben retten könnte. Sie spiegeln hauptsächlich die extrem hohen Kosten für den Kauf geringer Mengen dieses Materials wider."

Auch in anderen Ländern lockt das Wort "Krebs" inzwischen mehr Geld in die Labors, als es die Aussicht auf ein wirksames Anti-Virus-Mittel zuvor vermochte – obwohl Zahl und Leiden der Opfer von Virusinfektionen weltweit denen der Krebskranken nicht nachstehen (die Krankheiten reichen vom harmlosen Schnupfen über chronische Leberentzündung bis hin zu ebenso exotischen wie tödlichen Infektionen wie die "Grüne Meerkatzen-Krankheit").