Günter Wallraff ist wachsam, aber er fühlt sich noch nicht als Verfolgter

Von Ben Witter

Ich erkenne Ihre Stimme wieder", sagte ich, "wenn Günter Wallraff nicht da ist, sitzen Sie meistens am Telephon." Er stellte sich aber nicht vor. Wir gingen über Fliesen, die mehr als achtzig Jahre standgehalten haben, zur Treppe, deren dick aufgetragene Farben das Holz auch schon so lange schonen. In Wallraffs Küche sagte sein Mitarbeiter: "Günter kommt gleich, er ist noch beim Arzt und kriegt eine Spritze in die Bandscheibe, dann kann er sich wenigstens bewegen." Seine Jeans hatten zu viele abgeschabte Stellen. Ich sagte: "Wenn er sich noch besser bewegen kann, macht er wieder Marathonläufe." Der Mitarbeiter sagte: "Bei nassem Wetter läuft aber gar nichts." Das Telephon klingelte. Er öffnete die Tür zum Nebenraum, Man kann nur geduckt hindurchgehen und halb seitlich.

Ich setzte mich an den Küchentisch, für den ein Trödler mindestens fünfhundert Mark bieten würde. Den Küchenschrank hinter mir hätte er gleich für den dreifachen Preis abgeholt. Die Küchenstühle kamen von der Mülle, über einer Lehne hing ein frisch gewaschenes Hemd, und der Stimmung wegen, und weil es gerade eins war, hätte ich am liebsten Bratkartoffeln mit Spiegeleiern gegessen. Eine nachgebildete Arbeiterküche? Herd, Kühlschrank, Waschmaschine und Ausguß blitzten, grün die Wände, der blau gestrichene Aufsatz einer altmodischen Kredenz hing fast unter der Decke, und die Ordnung in den Schränken und Stapeln beschwichtigte. Auf dem Anbau gab es so seine Art Dachgarten, und aus dem Hof wurde ein Teilgarten mit einem langgestreckten Blumenbeet, begrenzt durch die Rückseite einer Behindertenschule.

Einer mit Bart und Lederjacke öffnete die Küchentür. Ich wollte sagen, wie das hier Stück für Stück zu Günter Wallraff paßt, und erwartete, daß er sagen würde: Es mußte aber nicht erst passend gemacht werden. Da stand Wallraff in der Tür und glitt in den Rohrstuhl. "Die Spritze hilft", sagte er und atmete aus. Ich hörte, daß der Mann in der Lederjacke Pastor ist, und fragte ihn, warum jetzt auch so viele Pastoren Bärte trügen. Wallraff sagte: "War ich froh, als ich meinen loswurde. In der Redaktion der Bild-Zeitung in Hannover mußte ich ihn ja aus Tarnungsgründen tragen." Der Pastor ging ans Telephon.

"Bild" ein bißchen gebremst

Auf dem Tisch lag die Bild- Zeitung. Dann sah ich, daß statt Bild da "Killt" stand. Aber die Aufmachung war die gleiche. "Das ist eine Lügenzeitung", sagte Wallraff, "sie stellt in Kurzfassungen einzelne Berichte unter anderen aus meinen Büchern ‚Der Aufmacher‘ und ,Zeugen der Anklage’ vor." Ob er nicht selbst ein Boulevardblatt herausgeben will, damit die anderen mit ihren Monopolstellungen allmählich überflüssig werden? "Ich werde keine Boulevardzeitung herausgeben, und der Auflagenrückgang von Bild, das rechne ich mir an. Bild ist bereits gebremster. Ich werde sie weiterhin in ihrer Auswirkung behindern, und meine Informationen zeigen, daß auch regionale Behörden nicht mehr kontaktbereit sind."