Von Viola Roggenkamp

In der Frauenbewegung wird nachgedacht. Seit Monaten schon, und nun zunehmend lauter: "Wählen wir ihn? Wählen wir ihn nicht? Wählen wir ihn ... nicht?" Gemeint ist Helmut Schmidt. Ihm und der sozial-liberalen Koalition bei der Bundestagswahl am 5. Oktober ihr Kreuz zu geben, drängt die Frauen fast nichts. Nur Franz Josef Strauß. Der liegt ihnen zentnerschwer auf der demokratischen Seele. Für die Frauen der Bewegung und die große Zahl der Frauen in Bewegung gibt es sonst keinen besseren Grund, die SPD zu wählen. Es ist die Wahl des kleineren Übels. Schmidt oder Strauß? Für Feministinnen ist dies der kleine Unterschied und seine großen Folgen.

Wie bedeutend die Entscheidung der Wählerinnen für den Fortbestand dieser Bundesregierung ist, scheint den Politikern Sicht klar zu sein. Den, Frauen machen sie das Mitreden und Mitentscheiden so schwer wie immer. Jede vierte ist inzwischen Parteimitglied, doch stetig sinkt der Frauenanteil in den Parlamenten. Waren es im Bundestag 1952 noch zehn Prozent, sind es heute nur noch 7,5 Prozent. Die Sozialdemokraten obendrein, die sich gern als Vorkämpfer der Gleichberechtigung sehen und dazu Alt-Sozi Bebel überstrapazieren, haben in ihrer Bonner Fraktion mit 6,6 Prozent den niedrigsten Frauenanteil.

Politiker welcher Partei auch immer fürchten ausschließlich die Anziehungskraft der Grünen und glauben ungebrochen an ihre Anziehungskraft Frauen gegenüber.

Laut demoskopischer Analysen entschieden im vergangenen Jahrzehnt die sogenannten progressiven Frauen als Zünglein an der Waage die Bundestagswahlen für die Koalition. Doch nicht, weil die Willy-Wählerinnen dem Charme des großen Vorsitzenden erlagen, sondern der Hoffnung, man könnte sich für die Frauen verstärkt einsetzen. Diese Träume scheinen ausgeträumt. Was sich an der Bewegungsfront wie unter den Frauen zusammenbraut, ermittelte jetzt die feministische Zeitschrift Emma im Rahmen einer unkonventionellen und detaillierten Leserinnen-Umfrage zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut "Infratest" im vergangenen Herbst. Herausgeberin Alice Schwarzer: "Das Unbehagen der Frauen ist enorm groß und läßt sich vergleichen mit einem Pulverfaß, zu dem nur noch der Funke fehlt."

Dieser Funke könnte Wahlboykott heißen. 45 Prozent aller Leserinnen von Emma sind für einen Wahlboykott, davon 20 Prozent mit einem lustvollen "vielleicht" (Auflage: rund 100 000; Leserinnen etwa dreimal soviel). Am stärksten plädierten Hausfrauen und Mütter für eine offensive Verweigerung. Die SPD-Mitglieder unter den Emma-Leserinnen – dies ist jede zehnte – hielten zu einem Drittel einen Wahlboykott gegen die eigenen Genossen für denkbar.

Damit wird erstmals durch diese Zeitschrift ein hierzulande bisher extrem tabuisierter, Begriff als Möglichkeit politischen Handelns ins Gespräch gebracht: Der Wahlboykott als Votum gegen die Bürgerfeindlichkeit und Frauenignoranz der Parteien.