Von Fritz J. Raddatz

Was sagen Sie zu den Reaktionen auf Ihr Manifest?

Günter Grass: Von allen mir bisher bekannten ist die des Regierungssprechers Bölling die wichtigste. Natürlich hatten wir keine Zustimmung erwartet, sondern Kritik. Wir kennen ja die Abhängigkeit der Bundesregierung...

Abhängigkeit wovon?

Grass: Von den USA. Überrascht allerdings hat der schnöselhafte Ton, mit dem Herr Bölling vier Autoren abqualifiziert, die in beiden deutschen Staaten ihre Erfahrungen gemacht haben. Ich bin einigermaßen befremdet über die oberlehrerhafte Art, mit der Herr Bölling meint, uns Lektionen erteilen zu müssen, im Stil seines Satzes: "Es wäre besser gewesen, wenn die Schriftsteller vorher gründlicher nachgedacht hätten, wer denn die jetzige Lage hervorgerufen hat." Unser Appell richtet sich nicht an die sowjetische Regierung, sondern an die unsere, und wir wissen, daß die Bundesregierung nicht den Einmarsch in Afghanistan zu verantworten hat, daß sie dagegen scharf protestiert hat, und nicht nur die vier unterzeichneten Schriftsteller sind über den Verdacht erhaben, auch ihrerseits die sowjetische Gewaltaktion nicht schärfstens zu verurteilen. Wenn Herr Bölling seinerseits nachgedacht hätte, dann wüßte er zum Beispiel, daß die Unterstellung, wir weckten anti-amerikanische Ressentiments, sehr peinlich an die Strafaktion etwa gegen einen Schriftsteller wie Thomas Brasch erinnert, der wegen "anti-sowjetischer Tätigkeit" verhaftet und ins Gefängnis gesperrt wurde, nachdem er in der DDR in Flugblättern gegen den Einmarsch der sowjetischen und der DDR-Truppen in Prag protestiert hatte; daß Peter Schneider zum Beispiel Mitbegründer eines Komitees zur Befreiung des in der DDR inhaftierten Rudolf Bahro war; daß Thomas Brasch und Sarah Kirsch aus bekannten Gründen ihre Heimat, die DDR, verlassen mußten.

Unseren Appell "unbalanciert" zu nennen, erinnert mich auf unerfreuliche Weise an das bundesdeutsche Modewort "unausgewogen". In unserem Manifest hatte eine Analyse der Situation in Teheran keinen Platz – sie wäre in jedem Fall nicht zugunsten des Westens und der USA ausgefallen. Jahrelang hat der Westen gegen alle Kritik – die immerhin in Berlin begann, wo schon damals die gegen den Schah demonstrierenden Studenten einen Toten zu beklagen hatten – an der unheiligen Allianz mit dem Schah festgehalten.

Das rechtfertigt doch aber wohl nicht, was umgekehrt im Iran jetzt geschieht, wo man nicht zu Unrecht den Ajatollah einen Schah im Turban nennt.