Essen: "An ihren Tüten sollt Ihr sie erkennen"

Mona Lisa lächelt auch auf einer Plastiktüte ihr berühmtes Lächeln; Frauen teilen auf Polyäthylen-Tragetaschen mit: "Wir sind eben nicht auf Rosen gebettet"; auf anderen findet man Aussagen wie "Ich bin okay" oder "Stille Nacht, heilige Nacht – Schützt Weihnachten". Mit der Präsentation von 450 Plastiktüten lenkt das Design-Zentrum Haus Industrieform den Blick auf ein Stück "Gebrauchskultur im Straßenbild": Plastiktüten, die hier zum erstenmal in größerer Zusammenstellung zu sehen sind. Während sich etwa das New Yorker Cooper-Hewitt-Museum in einer Ausstellung auf besonders exklusiv gestaltete Papiertragetaschen beschränkte, wird in Essen ein breit angelegter Querschnitt durch die Plastiktüten-Kultur gezeigt: alltägliche und edel bedruckte, originelle, witzige und eher langweilige Tüten von Supermärkten und Boutiquen, Kosmetickonzernen und Buchläden, Museen, die in der Plastiktüten-Gestaltung nicht gerade durch Einfallsreichtum auffallen. Eine der Gemeinsamkeiten der in ihrer Qualität höchst unterschiedlichen Ausstellungsstücke: die Tütenentwerfer bleiben anonym. Auf keiner der 450 Plastiktaschen ist der Name des Designers zu finden. Der 1954 zur, "Hebung des Geschmackes" gegründete Verein Haus Industrieform Essen, der zuletzt in der ehemaligen jüdischen Synagoge untergebracht war undjetzt ein neues Domizil in der City beziehen konnte, versucht mit seiner ersten Ausstellung in den neuen Räumen nicht nur einen Überblick über die ästhetische Gestaltung der Mitte der sechziger Jahre aufgekommenen Plastiktüten, sondern deutet auch auf deren Bedeutung in verschiedenen Bereichen – zum Beispiel dem der Reklame: Die in jedem Jahr verbrauchten gut drei Milliarden Plastiktüten der Bundesbürger bilden ein wirkungsvolles Werbemedium. Die mit dem Ausstellungstitel angedeutete "An ihren Tüten sollt Ihr sie erkennen"-Entschlüsselung bleibt allerdings in bekannten Ansätzen stecken. Und unverschlüsselter als die Plastiktütenfans und -sammler geben sich ohnehin die Plastikgegner zu erkennen, die auf ihren Tragetaschen fordern: "Jute statt Plastik". (Haus Industrieform bis 31. Mai) Raimund Hoghe

Hamburg; "Paul Joostens"

Als er 1917 seine ersten abstrakten Collagen (aus Buntpapier, weil es Mal-Utensilien im Krieg nicht gab) in Antwerpen ausstellte, galt er in progressiven Zirkeln als eine Hoffnung der europäischen Avantgarde. Als er 1960 in Antwerpen starb, war er so gut wie vergessen. Daß man sich inzwischen wieder für Paul Joostens interessiert, hängt offenbar damit zusammen, daß seitdem Dada wieder entdeckt und neu bewertet wurde. Seine Arbeiten waren 1966 auf der großen Dada-Ausstellung in Paris und Zürich zu sehen. Auch auf der Berliner Dada-Ausstellung 1977 ("Tendenzen der zwanziger Jahre") war Joostens mit Collagen und Objekten vertreten. In Hamburg sind jetzt fünfzig Arbeiten aus den Jahren 1917 bis 1960 zu besichtigen – eine fragmentarische Übersicht, in der nur die frühen Jahre und dann wieder das letzte Jahrzehnt belegt sind. Man weiß nicht, was er zwischen 1930 und 1950 gemacht hat. Aber schon die hier versammelten Bruchstücke bestätigen den Rang und die Originalität des belgischen Eremiten, der frühzeitig der Kunstbetriebsamkeit entsagt und sich in seinem Antwerpener Atelier, in seiner totalen Einsamkeit vergraben hat Ein Dadaist? Gewiß, seine Collagen und Assemblagen sind in bester Dada-Manier hergestellt Aber er distanziert sich von den lärmenden Exzessen der Dadaisten, er hat den wilden anarchischen Dada verinnerlicht, ihn mit seiner eigenen Verzweiflung, seinem Nihilismus aufgeladen. Seine mit Abfall und Fundstücken angefüllten Holzkästen sind keine freundlichen Erinnerungsschreine und keine ästhetischen Objekte, sondern Spiegelbilder einer absurden Realität (Galerie Brackstedt bis zum 6. Mai)

München: "Stadt Landschaft München"

Die Begriffe Stadt und Landschaft sind im Ausstellungstitel absichtlich ohne Verbindung nebeneinandergesetzt: ein Hinweis auf die gestörten Beziehungen der Stadt zu ihrem Umland und auf die zerstörte Einheit der Stadtlandschaft – Themen, mit denen die hier versammelten, in und um München ansässigen Maler sich beschäftigen. Das Stadtpanorama mit den Alpen im Hintergrund (die in der Fremdenverkehrswerbung immer noch beliebteste Ansicht Münchens) interessiert die Künstler nicht mehr; sie zeigen, was aus der Vogelschau nicht wahrnehmbar ist. Günther Knipp zeichnet Baustellen, Straßenbrücken und Schnellstraßen, Wunden und Narben im Stadtbild also, Joachim Palm schildert in der Menge isolierte Menschen in der U-Bahn, einem Verkehrsmittel, das Wohnung und Arbeitsplatz zwar schnell verbindet, aber dem Benutzer das immer andere Erlebnis beim Gang durch die Straßen vorenthält. Kein Wunder also, daß Helga Jahnke das Haus, in dem sie lebt, genau beschreibt, die Mülltonnen im Hof, die Treppen und Türen, die Aussicht aus den Fenstern – es ist ein letztes Stück Heimat in einer anonymen Umgebung. In Friedrich Scheuers "Großem Münchner Bild" wird die Stadt zum unverständlichen Rätsel. Hans Jürgen Kleinhammes’ Versuch, mit Naturfundstücken vor einem unendlichen Horizont Landschaft zu verinnerlichen, erscheint dagegen als zweifelhaftes Bemühen, ebenso Dieter Stövers Wunschbilder einer unberührten Weidegegend im Schnee. Man kann, das zeigt vor allem Stövers Malerei, Landschaft noch immer in Kunst umsetzen, aber die Wirklichkeit, die diese beschreibt, gibt es im Grunde nicht mehr. (Kunstverein bis zum 4. Mai; Katalog 15 Mark)

Helmut Schneider