Von Horst Güntheroth

Kein Sterblicher kam den Göttern näher", bewunderte ein Zeitgenosse den englischen Physiker Isaac Newton. Dem inzwischen längst Gestorbenen war es gelungen, die-Planetenbahnen durch die Gravitationskräfte der Himmelskörper zu erklären. Göttlicher Funkenregen ist öffentlicher Meinung zufolge auch über viele berühmte Kollegen des Gelehrten niedergegangen, die die Physik revolutionierten, weil sie bizarre Geheimnisse der Materie lüfteten – folgenschwer für unser Verständnis von Natur und Kosmos. Dem, der Newtons Theorien modifizierte und ergänzte, wird von einem seiner Biographen größere Lässigkeit bescheinigt: "Wie ein Kind mit schimmernden Perlen spielt, so band Albert Einstein Materie und Energie, Raum und Zeit zusammen und flocht daraus einen Gürtel für das Universum." Physik – ein Dämon – oder Kinderspiel?

Von Größen wie Newton und Einstein und ihrem Nimbus auf die Verwalter ihres wissenschaftlichen Erbes zu schließen, wäre falsch: Der Durchschnittsphysiker ist in der Regel kein Revolutionär und auch keine nobelpreisverdächtige Koryphäe, geschweige denn dabei, die Himmelsleiter zu erklimmen. Das Studierstübchen, in dem zu später Stunde sein Bewohner beim Schein von Kerzenlicht eben mal die Unzulänglichkeiten gewisser Theorien ausbügelt oder gar die Weltformel gebiert, hat mit der Physikerwirklichkeit so wenig gemein wie ein Traumschloß mit einem Fertighaus. Im Bilderbuch des Berufes "Physiker" ist die Seite "Forscheridylle" längst umgeblättert und eine neue aufgeschlagen. Und so wie etwa den Bäcker gibt es den Physiker nicht mehr, weil Physiker heutzutage ihre vielen verschiedenen Brötchen in vielen unterschiedlichen Stuben backen.

Gemäß der klassischen Definition gilt Physik als die Wissenschaft, die sich mit Aufbau, Wandlungen und Gesetzen der materiellen Welt befaßt – wo demzufolge geforscht wird. Doch selbst in diesem traditionellen Bereich der Forschung fehlt heute die sakrale Sternstundenatmosphäre: In einem von Kabelgewirr Und elektronischem Gerät vollgepfropften Labor hockt jemand und registriert nicht endend wollende Meßdaten – ein Experimentalphysiker. Oder: Hinter dem Schreibtisch eines schlichten Bürozimmers wälzt jemand bleistiftkauend mathematische Probleme – ein theoretischer Physiker. Als Folge der immensen Vergrößerung des pysikalischen Wissens wird die Arbeitsteilung in Theoretiker und Experimentator perfektioniert durch die Untergliederung in Fachgebiete und weiterhin durch Forschen im Bereich der Grundlagen oder der Anwendungen. So tragen Festkörper-, Kern-, Plasmaphysiker und all die anderen Experten grundlegend oder angewandt, theoretisch oder experimentell Mosaiksteinchen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis zusammen.

Aber längst haben Physiker ihre traditionellen Grenzen überschritten und erobern sich laufend neue Bereiche. Wenn es darum geht, Ergebnisse und Methoden der Forschung für fertigungsreife Neuentwicklungen zu verwerten, neue oder verbesserte Geräte, Verfahren oder Systeme zur Einsatzreife zu bringen, sind Physiker am Werk. Sie arbeiten heute als Entwickler in der Medizin, dem Umweltschutz, der Elektrotechnik, der Datenverarbeitung, dem Kraftwerkbau, der Luft- und Raumfahrttechnik und im Maschinenbau.

Forscher und Entwickler haben eine Menge Routinearbeit zu erledigen und ständig mit Randproblemen finanzieller und zeitlicher Art zu kämpfen. Die brillanteste Idee und das noch so ausgeklügelte Verfahren fallen sang- und klanglos unter den Tisch, wenn sie sich etwa als zu zeitaufwendig oder kostspielig entpuppen. In Fragen der Umweltprobleme, neuer Waffentechnologien oder apparativer Intelligenz offenbart sich die Politisierung physikalischen Schaffens. Kernkraftwerke, Atombomben und Mikroelektronik verändern unser Leben. Physik macht Weltgeschichte; sie ist Hoffnung und Bedrohung zugleich. Physik – ein kindliches Perlenspiel? Physiker ein wissenschaftserfülltes Leben im Dienste der Menschheit?

Viele der heute tätigen Physiker haben sich sogar von den unmittelbaren Bezügen theoretischer und experimenteller Physik entfernt. Sie stehen ihren Mann – Frauen sind in diesem Beruf überdurchschnittlich unterrepräsentiert – im Vertrieb, der Planung, der Produktion. Auch Dokumentation, Patentwesen, Öffentlichkeitsarbeit, Technologieberatung und Aufgaben des Managements sind für Einsteins Erben kein Neuland. Paradoxerweise werden die Aufstiegschancen des Physikers um so besser, je mehr er sich von seinen ursprünglichen Aufgaben frei macht und sich auf anderen Gebieten qualifiziert.