Die schillernden Aufgabenbereiche der augenblicklich zirka 16 000 Physiker in der Bundesrepublik liegen etwa jeweils zur Hälfte in der gewerblichen Wirtschaft und im öffentlichen Dienst. Im gewerblichen Feld sind es in der Mehrzahl Großunternehmen und im öffentlichen Hochschulen, Behörden und Forschungsanstalten, die die Naturwissenschaftler beschäftigen.

Für die berufliche Vielseitigkeit der Physiker geben zweierlei Gründe den Ausschlag. Einerseits erfordert die Beschäftigung mit Physik einen analytischen Blick; große Probleme in kleine zu zerlegen, Systeme zu sezieren. Zum anderen profitieren die Physiker von der zunehmenden Tendenz zur Mathematisierung in allen möglichen Bereichen. Sie, die während ihres Studiums eine ordentliche Portion Mathematik gelernt haben, sind in der Lage, das Instrumentarium auf viele Probleme anzuwenden – auch wenn diese dann mit Physik nichts mehr zu tun haben.

Die analysierenden und quantifizierenden Fähigkeiten erwirbt der angehende Physiker durch ein sechs- bis siebenjähriges Studium, das in der Regel mit dem Diplom abgeschlossen wird; die Mindeststudiendauer von vier Jahren ist vollkommen unrealistisch. Ein zunehmender Teil der Diplomierten erhöht seine Qualifikation und verlängert den Universitätsaufenthalt durch eine Doktorarbeit.

Trotz ihrer Dauer ist die Hochschulausbildung kein Zuckerschlecken: Sie ist straff, arbeitsreich und fordernd. Obwohl sich das Berufsbild längst gewandelt hat, wird an den Universitäten mit einigen reformerischen Ansätzen klassisch ausgebildet. Entsprechend dem Motto des humanistischen Bildungsideals ("Wer einmal Latein kann, der lernt andere Sprachen um so leichter") liegen die Schwerpunkte der physikalischen Lehre in den traditionsschwangeren Disziplinen. Spezialwissen und auch die Verwendung von Physik in aktuellen Technologien vermittelt das Studium nur am Rande oder gar nicht. Diese Grundlagenausbildung ist ein Dilemma: Zwar sehen die Hochschullehrer ihr Konzept als die Ursache für die berufliche Flexibilität ihrer Schäflein und trotzen damit der Industrieforderung nach mehr Spezialistentum. Doch es ist auch der Grundlagencharakter der Lehre, der allzu leicht Assoziationen zum Berufsfeld eines späteren Forschers schürt. So sind individuelle Enttäuschungen vorprogrammiert, müssen Forscherträume vergehen wie Winterschnee in der Frühlingssonne. Nährboden auch dafür, nach eigenen Tätigkeitsfeldern zu suchen.

Daß sich Physiker ständig neue Arbeitsplätze erschließen, hat natürlich Auswirkungen auf den Stellenmarkt. Weil die Universitäten unseres Landes im jährlichen Durchschnitt etwa 1200 frischgebackene Physiker nachliefern, drohte in den sechziger Jahren zwischen dem erwarteten Angebot an Physikern und dem Bedarf auf ihren klassischen Arbeitsplätzen eine Lücke aufzureißen. Als deren Folge war für ein merkliche Zahl ihrer Spezies Arbeitslosigkeit zu befürchten. Tatsächlich ist jedoch Arbeitslosigkeit in dem befürchteten Umfang nicht eingetreten; im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ist sie durchschnittlich und betrug beispielsweise im Mai 1978 drei Prozent.

Der Autor dieses Artikels ist Physiker und arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Osnabrück.