"London ist auch nicht mehr, was es nie war", kommentierte kürzlich ein British Airways-Sprecher den zurückgehenden Shopping-Tourismus. Aber die britische Hauptstadt ist immer noch, was sie schon immer war in Sachen Vergnügungen: eine Weltmetropole. Ständig beweisen das neue Etablissements.

Die silberne Platte vor dem Eingang verrät: Hier ging die Queen vorbei. Warum die Königin nach 25 Dienstjahren das Musik-Restaurant "Rockgarden" im Londoner West End rechts liegen ließ und ohne eine saftige Portion Spare Ribs in ihren königlichen Alltag zurückkehrte, weiß niemand so recht. Aber vielleicht mag Elisabeth II. keine Comic Strips, so daß bereits die gezeichnete Speisekarte ihr Mißfallen erregt hätte. Und die wummernden Bässe, die aus dem Keller emporsteigen, um sich in den Geschirrregalen klirrend festzusetzen, mögen dem königlichen Geschmack gleichfalls kaum entsprechen.

So verkehrt im Rockgarden auch weiterhin alles, was keinen Rang und Namen hat – und das nicht nur wegen der "nackten Hamburger" oder "Chef John Soup", sondern auch der Kultur zuliebe.

Brechts "Mahagonny" erlebte hier eine Kneipenbearbeitung, über die der Kritiker des Guardian anerkennend meinte: "Die beste Show zum Lunch, die ich kenne."

Aber auch wer Theater ohne Mintsauce und Guinness vorzieht, ist im West End gut bedient. Rund um Leicester Square und Covent Garden bis hin zum Picadilly und dem Round House in Camden hat Thalia, die Muse der Mimen, in über 30 Theatern eine lebendige Heimat gefunden. Von "My Fair Lady" über "Twelfth Night" von Shakespeare ist alles vertreten bis hin zu einer eigenwilligen Urfaust-Interpretation im Fortune-Theater. Der weg dieses Faustus zur Hölle ist mit homoerotischen Wünschen gepflastert, und Teuflisches ist von diesem Standpunkt aus auch im Alltag zur Genüge zu entdecken. Getreu dieser Umdeutung springen reichlich leicht bekleidete Männer, über die Bühne, und auch der Doktor Faust enthüllt sich, wenn das Stück sich zu seinem bösen Ende neigt. Nicht, jedermanns Sache, aber gut in Szene gesetzt. J. R.