Hamburg

Es gibt einen Dokumentarfilm über die Funde der Amerikaner im deutschen Konzentrationslager Buchenwald. Leichen, ausgemergelte Häftlinge, kaum kräftig genug zum Oberleben, eine Tischlampe aus Menschenknochen, gegerbte, mit Zeichnungen versehene Häute ermordeter Frauen. Wer diese Bilder einmal gesehen hat, kann sie nicht mehr vergessen, so wenig wie die eigene stammelnde Hilflosigkeit vor einem Geschehen, das sich dem Begreifen verweigert.

Es ist unverständlich, daß angesichts solcher Bilder, die überdies vor einer Woche erst im ZDF zu sehen waren, die Ehrung von Opfern Nazi-Deutschlands wieder einmal Streit auslöst, wie jetzt bei der Diskussion um eine Gedenktafel für nach 1933 ermordete Mitglieder des Hamburger Stadtparlaments. Unerträglich aber wird die Angelegenheit, wenn kleinliche Abzählerei zum Hauptargument wird, als spielten gegenüber dem Grauen der Konzentrationslager Zahlen überhaupt eine Rolle.

Bereits 1974 hatte der Ältestenrat der Hamburger Bürgerschaft eine erste Initiative für eine solche Gedenktafel abgelehnt. Die Parlamentarier begründeten ihre Entscheidung damals mit dem noch ungeklärten Schicksale verschiedener vom NS-Regime verfolgter Hamburger Abgeordneter. Und wo nicht abgezählt werden kann, kann auch nicht geehrt werden. Zur Klärung der offenen Fragen wurde daraufhin bei der "Hamburger Bibliothek für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung" eine Forschungsarbeit in Auftrag gegeben. Der damalige Präsident der Bürgerschaft, Herbert Dau, schrieb dazu: "Diese Anregung gab der Ältestenrat nicht, um Namen von Abgeordneten auf einer Erinnerungstafel anbringen lassen zu können. Vielmehr ging es dem Ältestenrat darum, die Bürgerschaftsabgeordneten, die den Tod durch NS-Verfolgung erlitten haben, durch eine besondere Veröffentlichung gewürdigt zu sehen."

Fünf Jahre lang war von diesem Vorhaben nichts mehr zu hören, bis die FDP auf Initiative von Erich Krohn im Juli 1979 in einer Eingabe an die Hamburger Bürgerschaft den Wunsch nach der Gedenktafel erneuerte. Dem Schreiben beigefügt war eine Liste von 14 ermordeten Abgeordneten, die die FDP geehrt wissen wollte. Eine offzielle Antwort auf diesen Vorstoß blieb zunächst aus, aber hinter den Kulissen wurde heftig gestritten. Es ging um die Frage, ob die Gedenktafel die Opfer namentlich nennen sollte oder nicht und immer noch war nicht klar, wieviele Namen dort stehen sollten. Bürgerschaftspräsident Peter Schulz (SPD) entschied sich nach Diskussionen in der eigenen Partei und Aussprache mit den Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU für eine Gedenktafel ohne Namen.

Schlimme Vorwürfe mußte er sich daraufhin gefallen lassen. Denn acht der 14 Opfer waren Mitglieder der KPD. Wollte Schulz deren Namen lieber verschwiegen wissen? Befürchtete er, daß das Rathaus zu einer Gedenkstätte für den weithin bekannten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann würde, der 1944 in Buchenwald umgebracht worden war? Ist die namenlose Ehrentafel somit "kein moralischer Hoheitsakt, sondern ein Akt moralischer Roheit", wie die inzwischen gebildete "Initiative Rathaus-Ehrentafel mit Namen" formuliert? Bürgerschaftspräsident Schulz weist solche Anschuldigungen von sich.

In einem Rundfunkinterview erläuterte er, daß eine Tafel ohne Namen auch für ihn "keine wirklich gute Lösung" ist, auch hätte die Tafel nach seiner Meinung mit Recht zum Ausdruck gebracht, daß "die Kommunisten den größten Blutzoll bringen mußten". Die Gründe für seine Entscheidung waren andere: "Es gibt vier, möglicherweise fünf Mitglieder der Bürgerschaft, sämtlich Mitglieder der kommunistischen Fraktion, denen die Flucht aus Hitler-Deutschland gelungen ist, die in der Sowjetunion Zuflucht gefunden haben und dort ermordet worden sind." Peter Schulz wollte nach eigenem Bekunden vermeiden, daß die Gedenktafel im Rathaus neuen Streit hervorruft, und eine Inschrift wie: "Thälmann, ermordet von den Nazis 1944 in Buchenwald; Kippenberger, ermordet von den Kommunisten 1937 in Moskau" hätte, so Schulz, selbst milder formuliert, nur provozieren können. Durch das Verschweigen, der Namen wollte er das vermeiden, und er wählte eine Inschrift, die seiner Meinung nach allen Opfern gerecht wird: "Zum ehrenden Gedenken an die Mitglieder der Bürgerschaft, die nach 1933 Opfer totalitärer Verfolgung wurden."

Das ehrende Gedenken aber droht in weiteren Auseinandersetzungen unterzugehen. Denn von seinen Gegnern muß sich der Bürgerschaftspräsident vorhalten lassen, eine billige Aufrechnung der Schuld zu betreiben, und die neu gebildete Bürgerinitiative will nun eine eigene Gedenktafel entwerfen und mit Demonstrationen, Zeitungsanzeigen und Flugblättern für sie werben. Als Inschrift hat die Tochter des von den Nazis umgebrachten Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky einen Ausspruch ihres Vaters vorgeschlagen: "Ob wir überleben ist weder sicher noch die Hauptsache. Wie man aber später von uns denken, wird, ist so wichtig wie daß man an uns denken wird. Darin liegt unsere Zukunft." Jörg Reckmann