Auch hier: Rückbesinnung auf das Ich und das Handwerk

Man darf wieder Streichquartette schreiben. Was über viele Jahre in guten Avantgarde-Kreisen verpönt war, denunziert als die Kategorie bürgerlichen Musizierens schlechthin; was sich auch musikalisch entlarven lassen mußte, als Mauricio Kagel ästhetische wie kulturpolitische Aspekte, nämlich nur scheinbare Demokratie und die wahren Funktionsverteilungen in dieser Viererformation in ein Stück faßte, also auskomponierte; was schließlich daran zu sterben schien, daß der Mangel an jungen und engagierten, an der Avantgarde interessierten Ensembles auch niemanden zur Komposition animierte – es scheint eine neue Zukunft bekommen zu haben.

Man kann auch wieder Streichquartette schreiben. Unter den siebzehn Uraufführungen, die die diesjährigen "Wittener Tage für neue Kammermusik" präsentierten, waren gleich vier neue und bemerkenswerte Quartette. Sie alle, ob nun nach den streng logischen Gesetzen der Zwölftontechnik gearbeitet – wie etwa bei dem Prager Zbynek Vostřák – oder als pragmatische, weniger einsichtige, auch nicht immer sinnfällige Aneinanderfügung klanglilcher Felder mit nichtsdesto- weniger hochsensibler Nuancenabstufung – bei dem Wuppertaler Leyendecker –,sei es als eruptiv-expressiver Kraftakt des Hamburgers Wolfgang von Schweinitz nach spätbrahmsischem Master oder als spielerische Erfüllung des Variations- und Rondo-Prinzips – durch den Düsseldorfer Thomas Blumenkamp: es ist schon einigermaßen verblüffend, auch hier, mit einer gewissen Zeitverschiebung zur Literatur und auch zur bildenden Kunst, eine Rückbesinnung auf den musikalischen Monolog vorzufinden, die Selbstbetrachtung, die Darstellung einer Intimität des Ich, die Bekenntnisse einer Seele, sei sie nun schön oder nicht.

Und diese Stücke verraten eine neue Haniwerklichkeit. Wer sich die Mühe macht und die Zeit hat, die Partituren ein bißchen zu studieren, erkennt, daß Sorgfalt und Fleiß als Tugenden wieder entdeckt wurden, daß nicht mehr nur mit genialischem al fresco Großes hingeworfen oder als Detail dem Interpreten überlassen wird, sondern in Formen und in der – früher hätte man gesagt: motivischen – Arbeit nachlesbar und hörbar wird, daß da jemand auf Können sich berufen darf und mag.

Keine Frage, daß man gerade dies einem Mann wie Hans Werner Henze niemals hat absprechen können. Aber vielleicht ist auch die Tatsache, daß eine Zeitlang Henze-Uraufführungen nicht bei uns stattfanden, sondern in London und Amerika oder im toskanischen Montepulciano, ein Zeichen für die zeitweilige Mißachtung einer kompositorischen Haltung. Und so war es um so wichtiger, daß dieses inzwischen wohlrenommierte Mini-Festival in der fast unbekannten Ruhrstadt Witten zwei neue und gewissermaßen symptomatische Stücke von Henze vorstellte: eine Bratschensonate und ein "imaginäres Theater" für eine Singstimme und kleines Ensemble, "El Rey de Harlem" auf einen Text von Federico Garcia Lorca.

Die Bratschensonate greift bewußt das alte dialektische Prinzip des klassischen Sonatensatzes auf und verteilt die dramatische Entwicklung auf mehrere Abschnitte, unterbricht sie durch quasi rezitativ-, refrain- oder kadenzartige Einschübe. Vor allem aber gibt sie den Musikern wieder das zurück, worauf sie in allen technisierten und strukturalisierten Stücken lange zu verzichten hatten: ein großes Melos und einen wirklich musikantischen Ausdruck. Da darf ein Geiger (Bratscher) wieder tun, was er gelernt hat: eine Linie, eine Melodie, ein Thema spielen, die in ihrem ganzen Umriß und in ihrem Volumen mehr Intensität haben als alle zwischenzeitlichen Versuche, durch Klopfen und Kratzen angeblich die klanglichen Möglichkeiten zu erweitern; eine Linie zu spielen, die sich mischt in das klangliche Umfeld eines gemessen virtuosen Klaviers (Widmungsträger und Uraufführungsinterpreten: zwei um Montepulcianos Cantiere verdiente Musiker, Garth A. Knox, Viola und Jan Latham-Koenig, Klavier).

"El Rey de Harlem": eigentlich eine dramatische Kantate über Brutalität und Demütigung, die ein schwarzes Proletariat in seinem Stadtteil von New York zu erdulden hat und gegen die es aufbegehrt. Keine Frage, auf wessen Seite Hans Werner Henze steht und sich engagiert. Ein starkes, ein ausdrucksvolles Dreißig-Minuten-Stück, nicht so direkt und aggressiv wie "El Cimarrón", aber gewiß so wirkungsvoll nach innen wie nach außen, und es scheint durchaus vorstellbar, daß beide Stücke zusammen einen aufregenden Theaterabend ergäben (Widmungsträger: Montepulcianos neuer "Musiklehrer" und ganzjähriger Cantiere-Vorbereiter Gaston Fournier Facio; Uraufführungsinterpreten: ebenfalls alte Montepulcianer, die Hamburger Gruppe Hinz & Kunst mit der Sopranistin Maureen McNally und dem Dirigenten Spiros Argiris).

Neue Musik heute: sie darf sich seltener zeigen und erscheint vielleicht deswegen meist so hektisch, unkontrolliert, unqualifiziert. Daß ein kleines Festival nicht nur Eintagsfliegen schlüpfen lassen muß (was nicht heißt, daß wir nicht auch ein paar unsäglich schlimme Stücke hätten hören müssen), haben die Wittener Tage dieses Jahres bewiesen. Heinz Josef Herbort