Er war ein uneheliches Kind – und hat nie geheiratet, hatte kein Kind; er war Lehrer – und prägte den Satz "Die Hölle, das sind die anderen"; er war Philosoph – und schrieb Romane, Stücke, Pamphlete; er hatte einst eine junge Generation in Flammen gesetzt – und als eine entflammte Jugend im Mai 68 statt des Verteidigungsministeriums das Théâtre Odeon besetzte, lachte sie das "Graubärtchen" aus, schickte ihn nach Hause; er hatte ein Menschenbild entworfen, verurteilt zu Freiheit, Entscheidung, einsamer Verantwortung – und der Existentialismus war alsbald schicke Nachtklubmode, das Haus Dior nannte sein exklusivstes Modell 1949 nach ihm; er war ein Schriftsteller, hochmütig im Wort und bescheiden im Leben, der alle Medien-Publicity haßte – und seine Beerdigung wurde zur schamlosen Schlacht der

Eine ausführliche Würdigung des Werks von Jean-Paul Sartre veröffentlichte die ZEIT in Nr. 15 vom 4. April 1980

Pressemeute um den besten "Schuß"; er schuf ein Werk von vielen tausend Seiten – und als er Abschied vom Leben nahm, in seinem letzten Interview, nannte er sich "gescheitert".

War Jean-Paul Sartre gescheitert? "Es ist mir nichts geglückt in meinem Leben", schrieb ein deutscher Dichter, dessen Einfluß noch heute gilt, dessen geglückte Gedichte Volksgut wurden: Heinrich Heine. Es ist die Bitterkeit des geistigen Unmaßes. Weltsucht und Letterngier, die Predigt der großen Veränderung, in deren Wort das Bewährte bewahrt bleibt; Jean-Paul Sartre war beides. Sein "Scheitern" war sein großes Gelingen. Sein Werk blieb Fragment, unter der kristallenen Schönheit seines Stils lag das Lauern des Abgrunds – er liebte die Welt, und er haßte ihre Verrichter. Müßte das Wort "Intellektueller" – Störer, Widersacher, Radikalist – einen Namen finden, er hieße: Jean-Paul Sartre. Was Ernst Bloch als pessimistische Hoffnung den Menschen wünschte, "aufrechter Gang", war sein Lebensgesetz. Daher er Vorbild für so viele war – und ist. Nicht abschmeicheln noch abdrohen noch ablisten ließ sich da einer, was er für recht erkannt hatte; und was oft falsch war. Irrtum, auch, ist Leben. Das seine war voller Irrlauf und Widersätzlichkeit; Grazie und Kampf zugleich. Er war der neue Mensch, nach dem wir suchen. Es gibt interessante Schriftsteller der jüngeren Generation, hier und da. Es gibt keine Nachfolge für den Kopf dieses Jahrhunderts.

Jean-Paul Sartres Tod ist eine Zäsur. Jean-Paul Sartres Leben war ein Exempel. Jean-Paul Sartres Werk bleibt Wende.

Die Leere, die er hinterläßt, fand ihr Bild in einer Geste voller Zartheit, schönster aller Nachrufe: Am Tage nach seinem Tod stellte ein Kellner des Café Flore am Boulevard Saint-Germain eine Blume auf einen Tisch, mit einem Stuhl. Der Stuhl blieb frei. Einen Tag lang.

F. J. R.