Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Nicht bekehren und auch nicht bekehrt werden – mit dieser vorsichtigen Parole hat Italiens KP-Chef Berlinguer Anfang dieser Woche seine zehntätige Chinareise wie einen kunstvollen Eislauf hinter sich gebracht. Fünfzehn Jahre nach dem totalen Abbruch der Parteibeziehungen zwischen Rom und Peking war er zu diesem Besuch eingeladen worden, als es den Chinesen schien, die größte kommunistische Partei des Westens werde nach ihrer harten Kritik an Afghanistan dem Bannstrahl des Kreml nicht länger entgehen. Hatte aber Peking nicht bedacht, daß Moskau auch jetzt noch mehr daran interessiert sein könnte, die italienischen Kommunisten weiter in ihrer unbequemen Lage zwischen Ost und West schweben zu lassen, statt sie ins sozialdemokratische, amerikanische oder gar chinesische "Lager" zu stoßen?

Vergessen war nun jedenfalls, daß Mao Tsetung für die italienischen Genossen, die "in ihrem Wolkenkuckucksheim von Sozialismus unter bürgerlicher Diktatur träumen" (so die Rote Fahne 1963), nur bitteren Hohn übrig gehabt hatte. Nun ließen Maos Nachfolger den römischen Ketzer sogar vor Studenten jener Universität, von der einmal die große Kulturrevolution gestartet war, die milde Lehre verkünden, daß es nicht nur ein einziges Sozialismusmodell geben könne. Gegensätze? "Lassen wir sie beiseite", sprach Deng Xiaoping und bekannte sein Interesse an "jeder Art von Neuheit". Der Krieg sei keineswegs unvermeidlich, beharrte Berlinguer. "Wenigstens die nächsten zwanzig Jahre", lächelte der 76jährige Deng großmütig. Seinem Konzept eines "strategischen" Bündnisses mit den USA, Japan und Westeuropa gegen Moskau verweigerte Berlinguer jedoch standhaft den Beifall. Und wie steht es mit den chinesisch-sowjetischen Beziehungen? "Da gibt es mit den chinesischen Genossen keine Übereinstimmung – aber auch nicht mit den sowjetischen Genossen", sagte Berlinguer mit der Sanftheit eines gelernten Mandarins.

So geschmeidig sich Berlinguer bewegte und so oft er beteuerte, daß sich seine Chinareise "gegen niemanden" richte, so genau weiß er, daß dieses Ereignis als solches eine Zumutung für Moskau ist. Es krönt den Versuch der italienischen KP-Führung, den Gefahren Zu entkommen, die ihrem "dritten Weg" durch die Eskalation der gegenwärtigen Weltkrise drohten – auch innenpolitisch und innerparteilich.

Eine "grundlegende Wende" in der Politik Amerikas "und auch der Sowjetunion" hatte Berlinguer schon am 26. Januar festgestellt. Er mußte sich dabei bereits mit solchen Genossen auseinandersetzen, die der Ansicht waren, die Sowjets hätten in Afghanistan "schon ihre guten Gründe". Berlinguer belehrte sie, daß ein Regime, "das sich vornehmlich auf ein Besatzungsheer stützt", keine Volkszustimmung finde. Aber er widersprach zugleich auch den amerikanischen Gegenmaßnahmen und blieb den Beweis schuldig, daß dies, wie er sagte, "keine neutralistische Linie" sei, Am 8. Feburar erklärte er im Fernsehen, wenn sich Italien im Warschauer Pakt statt in der Nato befände, würde es "Pressionen verschiedener Art geben, die es schwierig, ja unmöglich machten, auf unserem Weg zu einem Sozialismus in Freiheit weiterzugehen". Doch auf die Frage, ob er im Falle einer kommunistischen Regierungsbeteiligung die Koalition in dem Augenblick aufgekündigt hätte, da Cossiga sich dem Nachrüstungsbeschluß der Nato anschloß, antwortete Berlinguer mit einem schlichten: "Ja".

In Straßburg schloß er sich der Forderung nach Rückzug der Sowjets aus Afghanistan an. In Florenz verurteilte er am 18. Februar von neuem die sowjetische "Verletzung eines Prinzips, das wir im internationalen Leben für unantastbar halten". Doch alle amerikanischen Boykottpläne (auch gegen den Iran, dessen "erpresserische Geiselnahme" er beklagte) lehnte er ab – sie seien ebenso friedensbedrohend. Zugleich knüpfte die italienische KP-Führung fast fieberhaft Kontakte zu europäischen Sozialisten, bei denen sie ähnliche Positionen vermutete. Giorgio Napoletano reiste zur Labour-Party nach London, Berlinguer selbst sprach mit Brandt und Mitterrand. Dabei zog er sich den bitteren Vorwurf des französischen KP-Chefs Marchais zu, er verlasse "den Eurokommunismus zugunsten einer Euro-Linken, um in den Sumpf einer Koalition mit Sozialdemokratie und Bourgeoisie zu treiben".