Öl auf Schleichwegen: Israel hat seit Jahren Erfahrungen mit einem arabischen Ölboykott

Der Iran droht jedem Land Vergeltung mit der Ölwaffe an, das sich den amerikanischen Sanktionen gegen den Geiselnehmer-Staat anschließt. Libyen und Algerien haben ebenfalls die Möglichkeit angedeutet, in die Auseinandersetzung um die Palästinenserfrage mit der Hand am Ölhahn einzugreifen. Während bisher nur einige westliche Industrieländer während des letzten Krieges in Nahost Erfahrungen mit einem Ölboykott sammeln mußten, üben sich die Öleinkäufer Israels schon seit Jahren in der Kunst, trotz einer Liefersperre durch die meisten Förderländer genügend Mineralöl zur Versorgung ihrer Wirtschaft aufzutreiben.

Schon ehe die Opec zu einer wirtschaftlichen Großmacht aufstieg, war die Ölversorgung für den Judenstaat ein Problem, bei dessen Lösung er wenig Hilfe von den internationalen Konzern nen erwarten durfte. Nachdem die multinationalen Ölgesellschaften ihre einst beherrschende Stellung in den Förderländern weitgehend eingebüßt haben, achten sie heute noch sorgfältiger als früher darauf, bei den Arabern nicht als Lieferanten der Israelis unangenehm aufzufallen. Aber nicht nur diese Unternehmen, sondern auch die Neureichen unter den Ölländern, Norwegen und Großbritannien, scheuen sich, den Zorn der Scheiche auf sich zu ziehen. Vorsichtige Anfragen aus Tel Aviv wurden in London und Oslo mit der Begründung "zeitweilig" zurückgewiesen, weder Großbritannien noch Norwegen verfügten bisher über genügend Öl, um es nach Israel exportieren zu können. Trotz der inzwischen stark gestiegenen Förderung aus der Nordsee zeigten Briten und Norweger bisher wenig Neigung, auf das Thema zurückzukommen.

Nur zwei Staaten haben heute den Mut, Israel offiziell mit Rohöl zu beliefern: Ägypten und Mexiko. Von dort kommen jährlich 1,75 beziehungsweise zwei Millionen Tonnen. Das deckt knapp die Hälfte des israelischen Bedarfs von rund acht Millionen Tonnen Rohöl im Jahr.

Die fehlenden Mengen müssen die israelischen Einkäufer mehr oder weniger verdeckt auf den Spot-Märkten einkaufen, wo überschüssige Mengen auch mal losgeschlagen werden, ohne daß allzu viel nach dem Käufer gefragt wird. Dafür sind die Preise seit der letzten Ölkrise in Rotterdam meist viel höher als die offiziellen Opec-Preise. Im Durchschnitt müssen die Israelis etwa vierzig Dollar je Barrel zahlen. In diesem Jahr wird Israel für sein Öl insgesamt etwa 2,25 Milliarden Dollar aufwenden müssen – oder rund vierzig Prozent dessen, was es für seinen gesamten Warenexport erlöst

Für Israel ist dies besonders peinlich, da sein; Energieversorgung wie in kaum einem anderen Land vom Rohöl abhängig ist. Nicht nur Autos, Panzer und Flugzeuge stehen still, wenn der Ölstrom versiegte. Auch sämtliche Elektrizitätswerke werden mit Öl betrieben. Aus heimischen Öl- und Gasquellen werden nur magere zwei Prozent des Energiebedarfs gewonnen. Weitere zwei bis drei Prozent steuert die Sonnenenergie bei. Erst Ende des nächsten Jahres soll das erste Kohlekraftwerk in Betrieb genommen werden. Aber auch die Kohle muß importiert werden.

Der Kreis der Länder, die Israel mit Öl beliefern, ist im Laufe der Zeit immer kleiner geworden. Zwar verpflichtete sich die Sowjetunion 1956 vertraglich, pro Jahr mindestens 700 000 Tonnen zu liefern. Doch schon Ende des Jahres wurde dieses Abkommen von Moskau wegen des Sinai-Krieges wieder gekündigt. Solange der Schah im Iran darüber bestimmte, wer aus persischen Quellen versorgt wurde, erhielt der Judenstaat von dort jährlich bis zu fünf Millionen Tonnen Öl. Nachdem Israel die Meerenge von Tiran mit Waffengewalt geöffnet hatte, floß das iranische Öl ohne Schwierigkeiten über das Rote Meer.