Ein Fall, zwei Vorgänge, und beide gleichermaßen beschämend. Der eine spielte im Orient: Eine Mutter aus Milwaukee wollte ihren Sohn wiedersehen, die jüngste der 51 Geiseln, die seit fünf Monaten in der Teheraner Botschaft festgehalten werden. Zwei Tage mußte sie bei den Geiselnehmern um Erlaubnis betteln. Ehe ihr (doch nicht dem Stiefvater) der Besuch gestattet wurde, mußten die Eltern durch einen Besuch auf dem Friedhof der Märtyrer ihren Respekt vor der iranischen Revolution bezeugen.

Der andere Vorgang spielte im Westen: Präsident Carter verbot alle Verwandtenbesuche in Teheran. Das Ehepaar aus Milwaukee, schon vorher abgereist, gelangte nur ans Ziel, weil die Iraner ein Visum bewilligten, obwohl die amerikanischen Behörden die Pässe für ungültig erklärt hatten. Der Pressesprecher des Präsidenten rechtfertigte das Verbot mit dem kriegsähnlichen Zustand zwischen beiden Ländern.

Der doppelte Tatbestand bleibt doppelt empörend. Nicht nur die amerikanischen Geiseln in Teheran werden ihres Menschenrechts, ihrer persönlichen Freiheit beraubt, sondern jetzt auch ihre Anverwandten daheim. Jimmy Carter, der als Apostel der Menschenrechtsbewegung ins Weiße Haus einzog, verhängte eine Art Sippenhaft über seine Landsleute. Worin unterscheidet sich solch rüde Handlungsweise von den Schikanen der sowjetischen Geheimpolizei gegen die Angehörigen der Dissidenten, für die Carter soviel Mitgefühl aufgebracht hat? Stellt sich der Präsident da nicht auf eine Stufe mit den Kidnappern von Teheran?

Die Mutter des armen 20jährigen Sergeanten Kevin Hermening setzte sich über das Verbot hinweg. Sie handelte unpatriotisch. Notfalls wäre sie vor dem Ajatollah Chomeini auf die Knie gefallen. Nicht Jimmy Carter, nicht der persische Studenten-Mob – diese Mutter war es, die einen Sieg für die Menschlichkeit errungen hat. kj.