Der Machtwechsel im Südjemen gibt Anlaß zu Spekulationen über die politische Ausrichtung des Landes an der Südwestspitze der arabischen Halbinsel.

Der Staatschef der Demokratischen Volksrepublik Jemen (Südjemen) und langjährige Generalsekretär der marxistisch orientierten Sozialistischen Partei Abdul Fattah Ismail ist entmachtet worden. Der neue starke Mann im Südjemen, der bisherige Ministerpräsident Ali Nasser Mohammed, hat zusätzlich die Ämter seines "aus gesundheitlichen Gründen" zurückgetretenen Vorgängers übernommen und auf diese Weise alle wichtigen Machtpositionen auf sich vereinigt. Der ehemalige Staatschef wurde, wie es heißt, "in Anerkenung seiner Verdienste" mit dem neu geschaffenen, rein repräsentativen Posten eines Parteipräsidenten abgefunden.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß die Entmachtung Ismails eine Abkehr von der prosowjetischen Politik Südjemens bedeutet, die erst im vergangenen Jahr in einem langfristigen Freundschafts- und Kooperationsvertrag, mit der Sowjetunion bekräftigt worden ist. Dieser Vertrag hätte in den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien die Befürchtung bestärkt, die Sowjets könnten den Südjemen als militärischen Stützpunkt ausbauen.

Ohnehin bezog Aden in den Konflikten am Horn von Afrika seit langem strikt die Position Moskaus und gilt innerhalb der arabischen Ablehnungsfront gegen einen ägyptisch-israelischen Frieden als Verfechter extremer palästinensischer Forderungen.

Unklar allerdings ist, ob gerade diese Solidaritätsbekundung Ismail ins Stolpern brachte, denn die übrigen moslemischen Länder einschließlich des Irak üben sich in vorsichtiger Kritik an dem sowjetischen Einmarsch. Damit geriet der Südjemen im arabischen Lager zusätzlich in die Isolation. Neben dem seit längerer Zeit schwelenden Machtkampf innerhalb der Sozialistischen Partei kann aber auch die Politik Ismails gegenüber Saudi-Arabien zu seinem Sturz beigetragen haben. Schon sein Vorgänger Rubai Ali war wegen der Annäherung an den großen Nachbarn sowie an den konservativen Nordjemen des Landesverrats bezichtigt worden. Damals war es Ismail selbst, der die Anklage formulierte und seinen Vorgänger hinrichten ließ.

Einige Mitglieder der südjeminitischen Führung sollen die ausgleichende Haltung Ismails gegenüber Saudi-Arabien, die besonders nach dem kürzlichen Besuch seines Außenministers in Riad deutlicher wurde, mißbilligt haben. Gleichwohl hat der neue Staatschef in persönlichen Botschaften die benachbarten Länder sofort nach seiner Machtübernahme wissen lassen, daß keine Änderung der Außenpolitik beabsichtigt sei. In den Nordjemen wurde gar ein Minister entsandt, um "die brüderlichen Bemühungen und den Willen zur Zusammenarbeit und Einheit" zu bekräftigen.

Eine Geste der Beruhigung, die um so angebrachter erscheint, als es seit mehreren Jahren immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern gekommen ist. J. R.