Trimmfreund, kommst du nach Amerika, dann vergiß deine Träume von aller Jogging-Herrlichkeit auf Erden, Stell’ dich vielmehr darauf ein, daß dein freizeitsportliches Weltbild korrigiert wird. Du mußt nämlich lange nach dem suchen, was dir in der guten alten Welt als Motivationsgrundlage deines mehr oder weniger ausgeprägten Bewegungsdranges glaubwürdig empfohlen wurde. Den spontanen Spaß und die unbändige Freude bei der Körperertüchtigung verdrängt man im gelobten Land der Trendsetter und Mobilmacher ganz offensichtlich. Die vielgepriesene sportliche Lässigkeit oder lässige Sportlichkeit der Amerikaner scheint einem neuen Glaubensbekenntnis zum Opfer gefallen zu sein.

"Fitneß" heißt das entscheidende Argument für die Bereitschaft von Millionen, volksgesundheitliche Basisarbeit zu leisten. Und diese selbstgewählte Aufgabe wird mit tierischem Ernst angepackt. Schauplatz New York, Central-Park: Man glaubt in den frühen Morgenstunden eines normalen Arbeitstages wahren Überzeugungsfeldzügen von Sektierern zu begegnen. Einzeln und in Gruppen lassen sie dauerlaufend keinen Zweifel darüber aufkommen, daß sie sich dank höherer Eingebung zuerst ihrem eigenen Körper und dann der ungesund-sündigen Umwelt verpflichtet fühlen, der sie mit Blicken und Schritten beweisen, wo die "Reise" hingeht. Heraus jedenfalls aus allem Mief und Muff, durch den das Dasein beeinträchtigt wird. Die Tatsache, daß sie dabei ebenso intensiv wie ungerührt die Abgase des beträchtlichen Straßenverkehrs inhalieren, zeigt deutlich; Hier stehen weniger äußere Umstände zur Beurteilung an, hier geht es in erster Linie um die innere Einstellung. Viele Läufer, die gar nicht erst die Grünzone des Central-Parks aufsuchen, sondern gleich in den Straßenschluchten ihr Programm absolvieren, bestätigen das.

Diese Bilder von New York sind übertragbar. Es können also keineswegs nur die Lebensbedingungen von Gigantopolis sein, die das freizeitsportliche Tun und Treiben in besagte Richtung sich entwickeln lassen. Auch dort, wo die Natur noch näher an die Städte heranrückt, joggt man zwischen Häuserfronten und trägt so täglich mit missionarischem Eifer seine Daseinsprinzipien zu Markte. Man kann eben Menschen nur da bekehren, wo Menschen sind.

Derart im Geiste vereint sind inzwischen dreißig Millionen Amerikaner. Vor zehn Jahren waren es nur hunderttausend. Die Kurve der Entwicklung und des Erfolgs zeigt also steil nach oben. Andererseits ist aber auch noch viel zu tun, bis zweihundert Millionen US-Bürger bekehrt sind. Nun müssen diese Aufgabe die Jogging-Propheten nicht allein bewältigen. Es gibt Körperfetischisten aller Art, die den Götzen "Fkneß" anbeten und dann auch schnell Glaubensbrüder und -schwestern finden. In ungezählten Fitneß-Tempeln absolvieren sie schweißtreibende und muskelbildende Programme. Auf Laufbändern treten sie in langen Reihen auf der Stelle, hocken in Kompaniestärke auf Fahrrädern, ohne sich auch nur einen Meter vorwärts zu bewegen, schlagen verbissen gegen Sandsäcke und lassen sich in zunehmendem Maße von Wunderwerken der Technik dazu animieren, jedem einzelnen Muskel im Körper mitzuteilen, daß man ihn noch nicht vergessen hat.

Wo von Erfolgskurven die Rede ist, da kann der Profit nicht ausgeschlossen bleiben. Und so haben alle, die sich als Propheten – welcher Fachrichtung auch immer – in der Millionenbewegung einen Namen gemacht haben, gleichzeitig ihren finanziellen Verhältnissen entscheidende Impulse verliehen. Freizeitsport zwischen New York und Seattle, Washington und San Francisco, San Diego und Miami heißt immer auch Boom, Mode, Trend – und die jeweilig passende Philosophie soll garantieren, daß dies alles nicht allzu kurzlebig ist.

Doch über solchen kommerziellen Niederungen schwebt der Götze "Fitneß" in Erwartung neuer Heerscharen von Gläubigen. Sogar im Weißen Haus trommelt man für seine Pilgerzüge. Nicht nur, daß der Präsident regelmäßig täglich der Nation voranjoggt, es gibt auch einen von höchster Stelle beauftragten Beirat für Fitneß und Sport, der das große Ziel eines bis in seine letzten Winkel sportlichen Amerika nie aus dem Blickfeld verlieren soll.

Man ist weiteren genug, um dabei auch über die Grenzen zu schauen. Und so kann die Verbindung zur Aktion "Sport für alle" des Deutschen Sportbundes eigentlich nicht erstaunen. Es gibt sie sehen einige Jahre, aber sie war bisher beschränkt auf die Zusammenarbeit im Bereich der Theorie, "Trimmy trifft Micky-Mouse" heißt das Motto, unter dem dieses Vorgeplänkel nun auch praktische Auswirkungen haben soll. Dabei geht es zunächst um Sportreisen in die USA, die vom DSB gefördert werden. Die Begegnung der beiden lustigen Symbolfiguren darf man in diesem Zusammenhang wohl als völlig unproblematisch bezeichnen. Alle Sorge muß vielmehr dem deutschen Trimmfreund und seiner Konfrontation mit dem amerikanischen Fitneßfanatismus gelten. Wenn er als Sektierer zurückkommt, wird man jedenfalls weder Trimmy noch Micky-Mouse dafür verantwortlich machen können. An deren Auftrag und Selbstverständnis hat sich nämlich der Freizeitsport in der Neuen Welt längst vorbeientwickelt. Harald Pieper