Eva Vargas ist "so alt wie der Wind und so jung wie jedes Kind, das ihn mit den Händen fangen will. Geboren und aufgewachsen im Schwarzwald, wo er am schwärzesten ist (Waldkirch bei Freiburg). Abgefahren in die Hölle der Leistungszwänge als Studentin, Hausfrau und Mutter, Arbeiterin, Sekretärin, Journalistin und Krankenschwester. Wieder aufgefahren als Sprach-Arbeiterin, die auch Gitarre und Zeichenstift benutzt".

Man findet den lyrischen Lebenslauf dieser nun offenbar seßhaft gewordenen zigeunerischen Heidelbergerin auf der Rückseite ihrer Gedichtesammlung, die einen Titel hat, der nur ihr hat einfallen können: "Streichel-Haft" (Trikont Verlag, München, 1979; 88 S., III., 5,– DM). Früher hat Eva Vargas – die eine freie Linke ist, eine aufgeklärte, philantropische, couragierte Person – ihre Gedichte im "Lumpenparadies" gesungen, einem alten hölzernen Wohnwagen auf einer Neckarwiese, "wo sie ihr Zugvogelherz angebunden" und zehn Jahre lang zur Gitarre gesungen und diskutierlustigen Leuten Rede und Antwort gestanden hat, bis 1975 "Brandstifter kamen und / das Märchen in / schwarzen Staub verwandelten".

Viele ihrer Gedichte reflektieren dieses und andere biographische Vorkommnisse, Wachträume, Gedanken-Erlebnisse, für die sie viele schöne oder derbe Wörter findet: "Lautensaitenhände, großer Klotz, Schmetterling und Liederfink, fliederflockig, psychonautisch, Lippenblüte" und (Katzen-) "Pinkelwanne" und für sich selber: "Underground-Schneewittchen".

Sie ist kritisch, beißend oder spöttisch, aber eher von Melancholie bewegt als von Bitterkeit. Sie zitiert den Tod in vielerlei Vokabeln ("Mördchen, Messerchen, Schlaftabletten, Sterbeblick und Sarg, Abgas-Cocktail, Ekel, Würgehände"), ohne sich ihm einfach zu unterwerfen. Sie nimmt den Sex und die Liebe beim Wickel, aber sie läßt kaum eine ihrer manchmal wunderbaren zärtlichen Wendungen ohne Kratzspuren stehen. Sie entfaltet, vor allem im dritten Teil, ihr kabarettistisches Talent. Und wenn sie sich mit Polizisten und Observierern, mit elitären oder biedermännischen, sentimentalen und reaktionären Zeitgenossen befaßt, treibt ihr Sarkasmus leuchtende Blüten.

Am schönsten hat sie ihre Zuneigung in einem Lied "Zum Sterben einer Geliebten" offenbart, zu Heidelberg: "...du Feine/ich liebe/und hasse dich/schöne Mehrzweckhure/deine Schenkel/die verwöhnten/die bewohnten/den Fluß dazwischen/früher wollte ich mal Schwan sein/fuhren wir bergauf/bis in dein Herz/das nicht käuflich/tausendmal verkauft wurde/... vermutlich/Feine/gehörst du unter den Ruinen der Welt/schon bald zu den best auf geschminkten Toten/touristenattraktiv/einladend/zur Leichenshow mit Feuerwerk/... aber jemand wie ich/wird aufbrechen/aus deinem Sterbebett/um die Liebe zu dir/vor Abbruch zu sichern."

Dieses Gedicht steht mit dreizehn anderen auch im wohlfeilen Eremitenkalender für 1980: "Wort-Gerichte" (Verlag Eremiten-Presse, Fortunastraße 11, Düsseldorf; 12,– DM); er ist, wie gewohnt, von verschiedenen Künstlern illustriert. Und endlich ist auch eine neue Schallplatte von Eva Vargas herausgekommen, auf der sie vierzehn Lieder singt: "Bis die Steine blühn" (LC 4270, Trikont Verlag, München 90). Sie geben, wie einige ihrer Gedichte, die etwas verjährt wirkende Stimmung von ihrem "Haus, das ist ein bunter Wagen" wieder: jugendbewegt, manchmal von einer etwas koketten, missionarischen Fröhlichkeit und ebenso gesungen. Lieber lese ich Eva Vargas; es ist erfrischender, sich die Vers-Melodien selber zu suchen mitsamt den Vortragsbezeichnungen. Manfred Sack