Von der Seele geschrieben

Erinnerungen eines Sozialdemokraten

Private Aufzeichnungen zur Bilanzierung des eigenen Wirkens oder über persönliche Erinnerungen gibt es viele, ohne daß die Öffentlichkeit etwas von ihnen erfährt. Manches wird niedergeschrieben, um selbsterlebte Vergangenheit noch einmal zu erfassen, ist für die Familie, für Freunde und ehemalige Mitarbeit ter, für jene, die den Autor kennen, bestimmt. Wie dem auch sei – es handelt sich um eine Art nachgeholter, komprimierter Tagebücher; die meisten vergilben in Mappen oder Schubladen und sind damit vergessen. Einige werden später entdeckt. Dann werden sie ganz oder teilweise publiziert oder historisch in einer größeren Darstellung verarbeitet. Deren Wert als Quelle ist geblieben.

Wer hingegen seine Selbstdarstellung oder seine Erinnerungen veröffentlicht, sollte sich erst einmal fragen, oder muß sich die Frage anderer gefallen lassen: lohnt sich das überhaupt? Da gelten vor allem zwei Kriterien: historische Ergiebigkeit und literarische Qualität.

Julius Cäsars Erinnerungen an den gallischen Krieg (de bello gallico) erfüllen beide Ansprüche in gleichem Maße, Sie werden heute noch an den humanistischen Gymnasien gelesen. Aber viele Lehrer verleiden ihren Schülern den Genuß an der Lektüre, weil sie am Cäsar lateinische Grammatik pauken. Dafür kann Cäsar nichts.

Der literarische Wert der Erinnerungen des feinsinnigen Essayisten Wilhelm Hausenstein, des ersten Botschafters der Bundesrepublik in Paris, ist schwerlich zu bestreiten, aber historisch bringen sie nicht allzuviel. Wer Carlo Schmids brillante Erzählerkunst mit dessen phänomenalen Gedächtnis kannte, ist enttäuscht über den relativ geringen historischen Nutzen seiner "Erinnerungen" (siehe ZEIT Nr. ), so hoch deren literarische Qualität auch ist. Bismarcks, Trotzkis und Churchills Memoiren sind seltene Erscheinungen in dieser Literaturgattung. Die Erinnerungen Wilhelm Kaisens "Meine Arbeit, mein Leben", Bremens Bürgermeister von 1945 bis 1965 und eine der bedeutendsten Figuren der Nachkriegszeit, sind etwas hölzern, aber historisch wertvoll.

Heinz Kühn, von 1966 bis 1978 Ministerpräsident des größten Landes der Bundesrepublik, Landesvorsitzender der SPD von 1963 bis 1973 und von 1973 bis 1978 stellvertretender Vorsitzender der Bundespartei – eine Karriere also, wie sie nur wenige dieser Partei erreicht haben – hat jetzt den ersten Band seiner Erinnerung gen erscheinen lassen:

"Widerstand und Emigration, Die Jahre bis 1945"; Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 1980; 357 S., 28,– DM.

Von der Seele geschrieben

Kühe ist 1912 in Köln geboren. Die Eltern waren katholisch, der Vater "religiös, unmusikalisch", praktizierender Sozialdemokrat und Gewerkschaftler, ein Freidenker, die Mutter war strenggläubige Katholikin. Sie setzte gegen den Vater den Besuch der katholischen Konfessionsschule durch. Das war damals kein seltener Fall in katholischen Arbeiterfamilien des Rheinlands. Aber wie dieser mitein. ausgetragen wurde, was in der Schule vorging, darüber schreibt Kühn leider nichts Er trat in die katholische Jugendbewegung "Neudeutschland" ein, ging aber "Roten Falken", deren Vorsitzender er wurde. 1931 begann er das Studium der Nationalökonomie in Köln, er in seinen Erinnerungen den Reichskanzler Brüning einen "Erzkonservativen" nennt, so ist das eine Fehlbezeichnung. Das haben nicht einmal dessen strenge Kritikeret.

Hang zum Vetersnenpathos

Leidenschaftlich und keineswegs gefahrlos kämpfte Kühn gegen Hitler, blieb nach der Machtergreifung aktiv im "illegalenWiderstand", war ständig von Polizei und SA verfolgt. Er erlebte diese Zeit "an der Basis der Bereitschaft und nicht in der Position der Entscheidung". In diesem Teil des Buches, aber auch in manchen anderen Abschnitten, haben vor konkreten Darstellungen Betrachtungen den Vorrang. Sie wiederholen nur mit anderen Worten, was schon häufig gesagt worden ist. Was Kühn hier schreibt, ist sicherlich redlich und sympathisch uneitel, der Hang zum Veteranenpathos aber dringt immer wieder durch.

Im Mai 1933 ging Heinz Kühn ins Saarland, das damals noch Völkerbundsgebiet war. Er traf einheimische und emigrierte Sozialdemokraten. Was aber im die Stimmung im Hinblick auf die Volksabstimmung 1935 nach den grauenhaft ten Vorgängen in Deutschland kein Wort!

Im September schlug er sich illegal durch Deutschland in die Tschechoslowakei. Sein Vater stammte aus dem Sudentenland und hatte fett Verwandte, die jetzt bereitwillig den Sohn aufnahmen. Kühn arbeitete in der Organisation des Schmuggels illegaler Informationen nach Deutschland. Diesen wie die "Schwarzen Sender" bekämpften deutsche Polizei und SA auch mit Mord und Kidnapping. Damals lebten im Sudentenland schätzungsweise 300 000 deutschsprachige Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, Gewiß mußten sie vorsichtig sein, da das ganze Gebiet mehr und mehr mit einem dichter werdenden Netz der nationalsozialistischen Organisationen Henleins überzogen war und die tschechische Polizei sich aus Angst zurückhielt. Aber untereinander wurde doch viel gesprochen. Von der Auffassung der sudentendeutschen Sozialisten erfährt man kaum etwas.

Kühn mußte mit seiner Entführung rechnen und ging 1935 nach Prag, damals Hauptstadt der sozialdemokratischen Emigration. Prag war verkehrsmäßig leicht zu erreichen. Man kam mit Deutsch ohne Schwierigkeiten aus, es gab deutsche Zeitungen und Kaffeehäuser. Auf englischen Druck hin, mit Rücksicht auf Hitler-Deutschland gestattete Anfang 1938 die tschechische Regierung dem sozialdemokratischen Parteivorstand und dessen Zeitung den Aufenthalt in Prag nicht mehr. Kühn bekam notdürftig Unterkunft und Unterstützung durch eine demokratische Flüchtlingsorganisation. Mehr war einfach nicht möglich. Er erhielt täglich gratis ein karges Mittagessen in einer Emigrationsküche. Heimlich leistete er schwarz, Gelegenheitsarbeit. Er hatte keine Arbeitsgenehmigung wegen der dortigen Arbeitslosigkeit, lebte ständig in Gefahr der Ausweisung durch die Polizei. Etwas verdiente er sich dazu durch zwei Zeitungsartikel monatlich. Journalismus hatte er als Volontär bei der Rheinischen Zeitung gelernt. Von eigener politischer Aktivität spricht er nicht.

Sein Studium setzte Heinz Kühe an der Prager Universität fort. Er kam damals mit vielen Emigranten und Tschechen zusammen, aber über das politische Klima schweigt er. Er macht Bemerkungen über die Zersplitterung der Emigranten und gibt einleuchtende Begründungen. Anmutig-anschaulich, von historischen Andeutungen durchsetzt, ist die Schilderung Prags. Aber ganz unpolitisch und damit dürftig ist das Kapitel über Masareyk, dem Gründer und ersten Präsidenten der tschechisch-slowakischen Republik, einer der bedeutenden Erscheinungen der Zwischenkriegszeit. Ganz unzulänglich ist das für jene Leser, die den Namen in diesem Buch

Von der Seele geschrieben

Es folgen etwa dreißig Seiten über Exil und Heimatliebe aus eigenem bitteren Erleben und geschichtlicher Kenntnis, mit überzeugenden Argumenten, aber doch klischeehaft in der Wirkung.

Im Juni 1936 ging Kühn nach Brüssel Einladung des sozialdemokratischen Vorsitzenden einer großen Freidenkerorganisation. Mit diesem hat er eine gleichsam überparteiliche Wochenzeitung gegen das Hitler-Regime herausgegeben. Die schwierigste und gefährlichste Funktion war Expedition der Leitung nach Deutschland. Auf Druck Berlins hin mußten belgische Beamte der Gestapo Hilfsdienste leisten, Kühn ist ein paarmal in Deutschland gewesen mit einem tschechischen Innenminister "gut gefälschten" Paß. Über den Zweck der Reise sagt er leider nichts. Peinlich ist der Satz; "Am 23. August 1939 hatten Stalin und Hitler ihren – geschlossen, am 26. August schlossen Marianne und ich den unseren: wir heirateten."

Als im Mai 1940 der Krieg gegen. Belgien begann, floh Heinz Kim mit seiner Frau in einem riesenhaften chaotischen Strom von Soldaten und Zivilisten in die äußerste Ecke Belgiens, nahe Dünkirchen. Nach ihrer Rückkehr versteckte sie ein belgisches bei sich in Brüssel. Kühn mußte im Kohlenkeller ausharren. Es gelang, gefälschte belgische Identifikationspapiere zu beschaffen. Aber Kühn blieb in Gefahr, durch die deutsche Gestapo und durch die belgischen Kollaborateure. Wäre er als Herausgeber einer Widerstandszeitung in die Hände der Nazis gefallen, so hätten sie ihn umgebracht. Aber als Belgier konnte er zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt werden. Auch dieser Gefahr verstand Kühn sich zu entziehen. Seit Stalingrad gelang es ihm, Fühlung mit ähnlich gestimmten jüngeren deutschen Offizieren aufzunehmen. Er setzte "Freiheitsbriefe" zum Sturz Hitlers auf und versandte sie auf geheimen Wegen.

In seinem Buch bringt er einige Texte und ebenso den auszugsweisen Abdruck eines Memorandums "In letzter Stunde" für "ausgesuchte hohe Offiziere" über die Zukunft Deutschlands nach dem Kriege mit nur aus der damaligen Widerstandsstimmung begreiflichen höchst optimistischen Aspekten Erstaunlich ist die Vitalität und Hartnäckigkeit dieses ständig Verfolgung ausgesetzten, vielfach hungernden Mannes, der findig und mühsam Arbeit suchen mußte, um überhaupt existieren zu können. Dabei findet er noch Zeit, sich in der Genter Universitätsbibliothek Unterlagen für seine Widerstandskampfrede zu beschaffen.

Er muß ein sehr sympathischer, cleverer, besonnen-mutiger junger Mann gewesen sein. Man merkt es, wie er aufgenommen, wie ihm geholfen wurde von Emigranten, Tschechen, Belgiern, und Engländern, an seinen Beziehungen und Begegnungen.

Nach Abzug der Deutschen blieb, er in Belgien, auch nach der bedingungslosen Kapitulation vom 8. Mai. Gleich fing er an, durch Korrespondenz und publizistisch für das "neue Deutschland" leidenschaftlich zu wirken. Das war in dem begreiflich fanatischen deutschfeindlichen Milieu nicht leicht. Die Engländer, die zunächst Belgien besetzten, verhinderten die Heimkehr, Sie wollten zunächst in Deutschland keine Emigranten haben, deren politische Aktivität sie fürchteten, aber Kühn drängte unentwegt; und erreichte mit englischer wie belgischer Hilfe seine Rückkehr im Spätsommer 1945,

Historisch sehr ergiebig ist das Buch nicht, ebensowenig von besonderer literarischer Qualität, Zudem ist, es in der Anlage diffus. Für Kühns Hausgebrauch mag es geeignet sein. Was er erlebt hat, hat er sich von der Seele geschrieben, doch nicht für andere Seelen.