Kühe ist 1912 in Köln geboren. Die Eltern waren katholisch, der Vater "religiös, unmusikalisch", praktizierender Sozialdemokrat und Gewerkschaftler, ein Freidenker, die Mutter war strenggläubige Katholikin. Sie setzte gegen den Vater den Besuch der katholischen Konfessionsschule durch. Das war damals kein seltener Fall in katholischen Arbeiterfamilien des Rheinlands. Aber wie dieser mitein. ausgetragen wurde, was in der Schule vorging, darüber schreibt Kühn leider nichts Er trat in die katholische Jugendbewegung "Neudeutschland" ein, ging aber "Roten Falken", deren Vorsitzender er wurde. 1931 begann er das Studium der Nationalökonomie in Köln, er in seinen Erinnerungen den Reichskanzler Brüning einen "Erzkonservativen" nennt, so ist das eine Fehlbezeichnung. Das haben nicht einmal dessen strenge Kritikeret.

Hang zum Vetersnenpathos

Leidenschaftlich und keineswegs gefahrlos kämpfte Kühn gegen Hitler, blieb nach der Machtergreifung aktiv im "illegalenWiderstand", war ständig von Polizei und SA verfolgt. Er erlebte diese Zeit "an der Basis der Bereitschaft und nicht in der Position der Entscheidung". In diesem Teil des Buches, aber auch in manchen anderen Abschnitten, haben vor konkreten Darstellungen Betrachtungen den Vorrang. Sie wiederholen nur mit anderen Worten, was schon häufig gesagt worden ist. Was Kühn hier schreibt, ist sicherlich redlich und sympathisch uneitel, der Hang zum Veteranenpathos aber dringt immer wieder durch.

Im Mai 1933 ging Heinz Kühn ins Saarland, das damals noch Völkerbundsgebiet war. Er traf einheimische und emigrierte Sozialdemokraten. Was aber im die Stimmung im Hinblick auf die Volksabstimmung 1935 nach den grauenhaft ten Vorgängen in Deutschland kein Wort!

Im September schlug er sich illegal durch Deutschland in die Tschechoslowakei. Sein Vater stammte aus dem Sudentenland und hatte fett Verwandte, die jetzt bereitwillig den Sohn aufnahmen. Kühn arbeitete in der Organisation des Schmuggels illegaler Informationen nach Deutschland. Diesen wie die "Schwarzen Sender" bekämpften deutsche Polizei und SA auch mit Mord und Kidnapping. Damals lebten im Sudentenland schätzungsweise 300 000 deutschsprachige Sozialdemokraten und Gewerkschaftler, Gewiß mußten sie vorsichtig sein, da das ganze Gebiet mehr und mehr mit einem dichter werdenden Netz der nationalsozialistischen Organisationen Henleins überzogen war und die tschechische Polizei sich aus Angst zurückhielt. Aber untereinander wurde doch viel gesprochen. Von der Auffassung der sudentendeutschen Sozialisten erfährt man kaum etwas.

Kühn mußte mit seiner Entführung rechnen und ging 1935 nach Prag, damals Hauptstadt der sozialdemokratischen Emigration. Prag war verkehrsmäßig leicht zu erreichen. Man kam mit Deutsch ohne Schwierigkeiten aus, es gab deutsche Zeitungen und Kaffeehäuser. Auf englischen Druck hin, mit Rücksicht auf Hitler-Deutschland gestattete Anfang 1938 die tschechische Regierung dem sozialdemokratischen Parteivorstand und dessen Zeitung den Aufenthalt in Prag nicht mehr. Kühn bekam notdürftig Unterkunft und Unterstützung durch eine demokratische Flüchtlingsorganisation. Mehr war einfach nicht möglich. Er erhielt täglich gratis ein karges Mittagessen in einer Emigrationsküche. Heimlich leistete er schwarz, Gelegenheitsarbeit. Er hatte keine Arbeitsgenehmigung wegen der dortigen Arbeitslosigkeit, lebte ständig in Gefahr der Ausweisung durch die Polizei. Etwas verdiente er sich dazu durch zwei Zeitungsartikel monatlich. Journalismus hatte er als Volontär bei der Rheinischen Zeitung gelernt. Von eigener politischer Aktivität spricht er nicht.

Sein Studium setzte Heinz Kühe an der Prager Universität fort. Er kam damals mit vielen Emigranten und Tschechen zusammen, aber über das politische Klima schweigt er. Er macht Bemerkungen über die Zersplitterung der Emigranten und gibt einleuchtende Begründungen. Anmutig-anschaulich, von historischen Andeutungen durchsetzt, ist die Schilderung Prags. Aber ganz unpolitisch und damit dürftig ist das Kapitel über Masareyk, dem Gründer und ersten Präsidenten der tschechisch-slowakischen Republik, einer der bedeutenden Erscheinungen der Zwischenkriegszeit. Ganz unzulänglich ist das für jene Leser, die den Namen in diesem Buch