Hamburg

Am Anfang ging es noch ganz friedlich zu. Da berichtete das Hamburger Abendblatt am 28. März sachlich: "Walter Jens, Schriftsteller, Tübinger Rhetorik-Professor und ganz gewiß keiner von den Bequemen im Lande, soll einen Lehrstuhl an der Hamburger Universität erhalten. Diesen Vorschlag an den Senat der Hansestadt hat der Akademische Senat der Universität einstimmig beschlossen."

Und Knut Teske erläuterte am nächsten Tag in der Welt, wie gut der Hansestadt ein solcher "Gotthold-Lessing-Professor für öffentliche Wissenschaft" anstehen würde, hatte sich doch einst die 1919 gegründete erste deutsche "Bürger-Universität", eben Hamburg, aus einem "allgemeinen Vorlesungswesen" entwickelt.

Der gleiche Knut Teske einen Monat später (am 21. April) in der gleichen Welt: "Mit einem Husarenritt sollte, so scheint es, dem Tübinger Wissenschaftler Walter Jens die Lessing-Professur an der Hamburger Universität verschafft werden... Vergangenen Dienstag nun pfiff der Akademische Senat den schnellen Präsidenten mit seinem ‚Eilpaket‘ zurück. Eine Kommission wird jetzt alles von Grund auf neu erwägen. Ob dabei und unter welchen Umständen eine Lessing-Professur herausspringt, ist ungewiß; ungewiß auch, ob Jens ihr erster Inhaber wird."

Die beiden Stücke seien zur Stilanalyse im Deutschunterricht empfohlen. Dabei kommt es nicht so sehr auf den neuen Inhalt an; der neue Ton ist interessant.

Den Ton, der die Welt wieder von ihrer ganz ungewöhnlichen März-Sachlichkeit befreite, hatte zwei Tage vorher Günter Zehm, stellvertretender Chefredakteur, "Kultur und Geistige Welt", angegeben: "In der akademischen Welt Hamburgs schlagen die Wellen der Erregung hoch wegen des ‚Husarenstreichs‘, mit dem der Wissenschaftssenator der Hansestadt und die dortige Universitätsspitze den Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens auf einen eigens für ihn geschaffenen ‚Widmungslehrstuhl Gotthold Ephraim Lessing‘ hieven wollen."

Hamburg am Freitag, dem 18. April: Die Wellen schlugen in der Tat hoch, auf der Elbe bei Sturmböen bis zu Windstärke zehn. An der Universität hingegen, wo die Vorlesungen gerade wieder anfingen, war von Erregung nichts zu spüren.