Sehr viele Universitätsstellen werden pro forma ausgeschrieben und sind in Wahrheit längst besetzt. Das ist Usus und nicht immer ein schlechter.

Wie zu hören ist, wird die Universität Hamburg die Stelle nun also öffentlich ausschreiben. Wir dürfen gespannt sein, welcher Kandidat mutig genug ist, gegen Walter Jens anzutreten.

So weit, so gut. Sturm im Wasserglas.

Gar nicht, mehr gut freilich ist, was der emeritierte Hamburger Professor Wolfgang Schöne, ein eigenwillig konservativer, durchaus angesehener Kunsthistoriker, von sich gegeben und was eigentlich erst den Stein ins Rollen gebracht hat. In einem offenen Brief behauptete er, die Berufung von Walter Jens bedeute für die Universität Hamburg "einen schweren Verlust an wissenschaftlicher Substanz".

Auch jemand, der Jens und seinen kulturwissenschaftlichen Leistungen kritisch gegenübersteht, wird einräumen müssen: Nur totale Ignoranz kann eine solche Behauptung davor bewahren, als strafrechtlich verfolgbares Delikt gewertet zu werden. Schönes Rang unter den Kunsthistorikern zu bestimmen, kann unsere Aufgabe jetzt nicht sein. Der Rang von Walter Jens unter den Gelehrten, den Hochgebildeten, die die seltene Fähigkeit haben, ihr fulminantes Wissen umzusetzen in Begreifbares, Diskutierbares, intellektuelle Ansprüche Förderndes, kann auch von Vernünftigen, denen dieser Mann, dieser Asket, dieser Schwärmer, dieser radikale Rhetor sonst nicht sonderlich liegt, überhaupt nicht bestritten werden.

Sturm im Wasserglas? Walter Jens mangelt es, vermuten darf ich das wenigstens, wie vielen Intellektuellen, Künstlern, "Kreativen", an der Elefantenhaut. Wenn die Schönes-Zehms-Thiemes so weitermachen, besinnt sich der Hamburger Walter Jens vielleicht darauf, daß er in Tübingen nichts entbehrt; daß er mehr als das übliche Maß an Anfeindungen nicht auf sich nehmen möchte. Dann würden die Hamburger Professoren, Senatoren und Journalisten aber ganz schön dumm aussehen.

Rudolf Walter Leonhardt