Von Gerhard Seehase

Er kann herrlich fluchen. Und das zweisprachig. Auf schwäbisch und französisch. Und wenn ihn einer bei seiner Arbeit auf der Pressetribüne stört – rechts hat er gerade die französische Sportzeitung L’Equipe an der Strippe, auf seinem anderen Platztelephon ist er mit der Stuttgarter Zeitung verbunden –, dann grollt ein Vulkan.

Ich kenne ihn seit etwa zwanzig Jahren. Wir haben in den großen internationalen Fußballstadien meistens in Rufweite nebeneinander gesessen. Und auch ich habe von ihm Zunder bekommen, wenn ich an meinem eigenen Platztelephon zu laut war. Am Abend, bei einem „Viertel“ Wein“, haben wir das dann immer wieder in Ordnung gebracht.

Hans Blickensdörfer kann immer noch herrlich fluchen. Aber jetzt kommen ihm weniger die Kollegen Sportjournalisten als vielmehr die Literaturkritiker in die Quere. Denn er hat den Sprung gewagt von der Sportseite der Tageszeitungen in die Belletristik-Regale der Buchhandlungen. Sein neuer Roman „Salz im Kaffee“, eine Geschichte aus der Radsportszene der Tour de France, ist dabei, in die Bestsellerliste zu klettern.

„Da gibt es doch Kritiker“, grollt er, „die mir einen Sportroman nur verzeihen, solange ich in den Klischees ihrer eigenen Vorstellungen bleibe. Sie loben, wenn ich über die Strapazen des sportlichen Wettkampfes schreibe, aber sie tadeln, wenn ich für meinen Helden eine Liebesgeschichte einbaue.“

Hans Blickensdörfer ist Jahrgang 1923. Die Mutter stammt aus der französisch sprechenden Schweiz, der Vater ist Schwabe. „Ich habe in meiner Kindheit besser französisch als deutsch gesprochen“, sagt er.

Sein erstes Buch ebenfalls über die Tour de France – entstand aus Trotz gegenüber einem Chefredakteur, der ihm die Fähigkeit absprach, „etwas in einen größeren Zusammenhang zu stellen“, Es war ein Sachbuch, erschien 1969 und hatte relativ guten Erfolg, Blickensdörfer: „Drei Auflagen wurden verkauft.“

Die beiden nächsten Sucher waren Sportromane: „Ein Ball fliegt um die Welt“ (1942), „Endstation Mexiko“ (1966). Sie verkauften sich schlecht; aber der Schwabe Blickensdörfer ließ sich nicht entmutigen, „Ich wollte beweisen, daß ich mehr kann; und ich hatte schon seit Jahren das Material für ein anderes Buch in der Schublade.“

Mit diesem Buch, der „Baskenmütze“, kam Blickensdörfer in die Bestsellerliste. Es ist die vom Autor selbst erlebte Geschichte mit Kriegsgefangenen, der nur eins will? nach Hause. Der Trip in die durch Stacheldraht, Gefängnisse und Schikanen verbaute Freiheit führt den „Menschen ohne Ausweis“ durch die Niederungen einer militanten Bürokratie, deren Willkür bis zum Zynismus eines beiläufig ausgesprochenen Todesurteils geht, Geschrieben ist das Buch mit jenem sanft grollenden Blickensdörferschen Humor, der sich querstellen kann, ohne anzuecken.

Im Schlußkapitel der „Baskenmütze“ sieht der ehemalige Kriegsgefangene Hans Blickensdörfer Jahre danach die Stationen seines Fluchtweges wieder: als Sportreporter der berühmten Tour de France. Dieses Radrennen hat ihn – wie der Fußball – nie mehr losgelassen.

Blickensdörfer ist als Sportreporter bei der Stuttgarter Zeitung fest unter Vertrag und schreibt außerdem für die französische Sportzeitung L’Equipe. So kehrt er immer wieder zu den Brennpunkten des internationalen Sports zurück. Auf den Pressetribünen hat er nach wie vor zwei Telephone vor sich stehen. Doch ein Teil der Kollegen reagiert heute anders, wenn der „Bli“ wieder einmal grollend durch die Bankreihen marschiert, weil er sich gestört fühlt. „Er ist ein bißchen übergeschnappt“, sagen sie, „seit er mit der ,Baskenmütze‘ Erfolg gehabt hat.“

Die „Baskenmüze“ hängt ihm an, bei allem, was er schreibt. Als Autor hat Blickensdörfer damit Karriere gemacht, aber keineswegs das große Geld verdient. Das Geld sollte mit den nächsten Büchern, die ebenfalls nichts mit dem Sport zu tun hatten, sozusagen nachgeliefert werden. Aber „Bonjour Marianne“ und „Der Schacht“ verkauften sich viel schlechter. Nun hatte Hans Blickensdörfer zwar jenen stärker gewinnbeteiligenden Vertrag, den er nach dem Erfolg der „Baskenmütze“ haben wollte, aber nicht die verkaufte Auflage in der erhofften Höhe. Auch das nächste Buch, „Söhne des Krieges“, erreichte nicht die Auflage der „Baskenmütze“.

Er läßt sich jetzt immer seltener auf den Pressetribünen sehen. Auch im heimischen Stuttgarter Neckar-Stadion haben sich Jüngere die Plätze erobert, die vorher „Bli“ gehörten, „Ich erlebe es immer häufiger“, sagt er, „daß die jungen Kollegen, von denen ich kaum noch einen kenne, sich fragend umschauen, wenn ich wieder mal im Stadion bin. Weißt du, was sie fragen? Sie fragen vermutlich; „Was will der Opa denn hier?’ In Frankreich haben die Jungen eine ganz andere Beziehung zur älteren Journalistengeneration Sie wollen von ihnen lernen.“

Der Autor Hans Blickensdörfer bezieht seine stärksten Anregungen nach wie vor aus dem Sport. Wie in der „Baskenmütze“, brauchte er auch für sein neues Buch, „Salz im Kaffee“, jenes Material, das nicht aus der Phantasie, Sandern aus dem realen Erlebnis kommt. Blickensdörfer, das spürt man auch in seinen Romanen, ist ein Meister der Reportage. Die Erinnerung liefert ihm die Bilder. Wenn „Bud“, der Held seines Romans über sportlichen und gesellschaftlichen Aufstieg und Niedergang eine? Radrennfahrers, einen Berg bezwingt, dann leidet der Leser mit. Das ist unverfälschte „Tour“. Es gibt Bücher, die beständig zum Umblättern der eigenen Erinnerung auffordern, auch wenn man’s im Detail selbst gar nicht erlebt hat: Genauso war’s. Die „Baskenmütze“ gehört zu diesen Büchern, und auch „Salz im Kaffee“, Ein Sportroman, „Ein Gesellschaftsroman aus dem Sportroman, sagt Hans Blickensdörfer. „Wenn einer einen Roman über ein Hotel schreibt, dann nennen wir das ja auch nicht einen Hotelroman.“

Man hatte ihn gewarnt dieses Buch zu schreiben. „Ein Sportroman geht bei uns nicht, haben sie mir gesagt,“ Er schrieb es trotzdem. Sein englischer Kollege Brian Glanville („Der Profi“) machte ihm Mut: „Du mußt so schreiben, den der Fabrikarbeiter dich versteht und der Generaldirekter nicht gekränkt ist.“

„Salz im Kaffee“ ist gelegentlich als ein Schlüsselroman über den deutschen Radprofi Dietrich Thurau gedeutet worden, Aber das weist Blickensdörfer von sich? „Es ist kein Schlüssele roman.“ Natürlich sah er sich bei der Schilderung von Figuren und Vorgängen der Radsportszene „zu höchster Präzision veranlaßt; „Mit ging es darum, die intime Welt der Sportstars, und dazu gehören ja auch die Liebschaften wie auch die Väter und Mütter, so darzustellen, daß mir keiner sagen kann: So ist es nicht.“