Von Jes Rau

Kühe auf den Weiden; Acker mit langen Reihen von Zwiebeln und Sellerie; baumumstandene Farmhäuser. In der nächsten Kreisstadt Goshen – 1400 Einwohner, fünf Kirchen – hört man auf der Hauptstraße das Getrappel der Pferde, die auf der 148 Jahre alten Trabrennbahn trainieren.

Hier im "Orange County" des Staates New York, westlich des Hudson River, kaum eine Autostunde vom Großstadtchaos Manhattans entfernt, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Inflation; Arbeitslosigkeit, Rezession – in dieser, Idylle müssen das wohl unbekannte Begriffesein.

Aber der Eindruck täuscht. Die schwere Krise der amerikanischen Autoindustrie wirkt sich auch in dieser ländlichen Region südlich des "Catschill"-Gebirges aus. Denn viele Bewohner verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Autoarbeiter. Über die Autobahn, den New York State Thruway, sind es von Goshen nur zwanzig Minuten bis Mahwah im Staate New Jersey, wo die Ford Motor Company 1955 eine große Fabrik eröffnete, in der derzeit täglich 950 Wagen der Modelle "Fairmont" und "Zephyr" vom Band laufen. Seit längerem gab es Gerüchte über die bevorstehende Schließung der Fabrik. In der vergangenen Woche gab Harold A. Poling, der Chef von Fords Nordamerika-Division, die schlimme Nachricht offiziell bekannt: Am 20. Juni soll die Produktion eingestellt werden, 3732 Fordarbeiter verlieren ihren Job. "Zwanzig Jahre lang habe ich im Mahwah am Fließband gestanden", sagt ein Arbeiter. "Und jetzt setzen sie mich vor die Tür. Andere Fabrikjobs gibt es hier in der Gegend nicht." Louis Heimbach, der Chef der Bezirksverwaltung des Orange County, spricht vom "schlimmsten Schock für die Region seit der großen Depression".

Neben der Fabrik im Mahwah will Ford noch zwei kleinere Produktionsstätten schließen, eine in Dearborn bei Detroit und eine im kanadischen Windsor/Ontario. Gleichzeitig feuert Ford zum 1. Mai 6100 Angestellte. Sämtliche Fabriken, in denen Personenwagen der oberen Klasse hergestellt werden, legen außerdem Produktionspausen von mehreren Wochen ein.

Die Krise hat auch Amerikas mächtigsten Autokonzern nicht verschont: General Motors (GM) hätte noch im März seine Produktionsmaschinerie auf etwas höhere Touren geschaltet und entlassene Autoarbeiter an die Fließbänder zurückgerufen. Sie alle und mit ihnen tausend andere Kollegen werden jetzt wieder arbeitslos. In sieben der 26 GM-Autofabriken in Nordamerika fielen Schichten aus und die Geschwindigkeit der Fließbänder wurde verringert.

Chrysler schloß bereits Ende vergangenen Jahres seine älteste und größte Autofabrik in Hambramck bei Detroit. Nun scheint sich Chrysler-Boß Lee Iacocca aber dazu durchgerungen zu haben; im Laufe des Jahres noch mehrere Fabriken dichtzumachen. Die Rede ist von drei der neun Montagewerke und sechs Zulieferfabriken. Bis dahin behilft sich Chrysler mit Pausen bei der Produktion seiner Spitzenmodelle "New Yorker" und "Gran Fury" sowie der Mittelklassemodelle Volare und Lebaron.