Zu solchen, etwas abseitig exzentrisch denkenden Intellektuellen unterhalte ich keinerlei freundliche Beziehungen.

Hamburger Altbürgermeister Prof. Herbert Weichmann, SPD, zum Tode von Jean-Paul Sartre.

Freilassung gefordert

Die "Association international de defense des artistes" (AIDA) forderte am Samstag in Hamburg auf einer Kundgebung vor dem kolumbianischen Konsulat die Freilassung der bekannten uruguayischen Pianistin Alba Gonzales Souza, die von kolumbianischen Behörden unter brutalen Bedingungen in Bogota gefangengehalten wird. Alba Gonzales Souza setzte sich mit Konzerten für sozial Benachteiligte ein und gehörte in ihrem Heimatland der "Frento amplio" an. Die Partei wurde nach dem Militärputsch 1973 Verboten, ihre Mitglieder mußten fliehen. In Argentinien, dem Estland von Alba Gonzales Souza, verschwand ihr Sohn; sie floh, mit falschen Papieren, erneut nach Kolumbien. Wegen dieses Paßvergehens Wurde sie dort am 3. Januar 1979 festgenommen. Man versucht zwischen ihr und der Stadtguerillagruppe M 19 eine Verbindung zu konstruieren. Eine Auslieferung kann für sie das Todesurteil bedeuten. Künstler erklärten sich solidarisch mit der Pianistin: neben Christoph Bankier, der Gefängnisgedichte des zwanzigjährigen zu 80 Jahren Haft verurteilten Alex Paladi de Alverda las, trat die südamerikanische Band "Los Kipos" auf, und das Jugendtheater Kiel spielte Szenen von Estebar Navajas Cortés. In Paris, München und Den Haag fanden parallele Veranstaltungen zugunsten Alba. Gonzales Souzas statt.

Delius muß schwärzen

Wenn Lächerlichkeit töten könnte, dann wäre der Horten-Konzern jetzt weg. Statt Winterschlußverkauf mit den vorteilhaften Webepelzen will der minderbemittelte Steuerflüchtling nun ernsthaft dem Schriftsteller F. C. Delius am Pelze weben. Der Vorfall ist bekannt (wurde in der ZEIT Nr. 23/1979 kommentiert): Ein Gedicht des Rotbuch-Bandes "Ein Bankier auf der Flucht" spricht von der "Angst vor Konkurrenz, vor seinesgleichen, vorm Schuft"; aktenfüllende Gutachten haben dieses Moritaten-Komma zu ergründen versucht, die Anwälte haben es nicht verstanden, Horten wollte es nicht verstehen – und nun hat er, ausgerüstet mit deutschem Paß und Schweizer Steuererklärung und dem Spruch der zweiten Instanz, einem deutschen Schriftsteller das Handwerk gelegt: Die inkriminierte Zeile (und eine andere: "Schwitzen die von ihm bezahlten Politiker über Gesetzen, / die ihm genehm sind uns seine Gegner zerfetzen") müssen geschwärzt werden. Geschwärzt. Ein Schuft Komma wer da schwitzt über Gesetzen...

Helmut Käutner

"Die Tragödie der Grazie" sollte ein Film heißen, den er nie drehen konnte: die Geschichte des Jongleurs Rastelli. Dieser Titel könnte auch das Lebensmotto von Helmut Käutner gewesen sein: einem deutschen einrasten, der elegische Stimmungen ebenso beiläufig zu beschwören verstand wie ironische Eleganz, In ihrer zarten Poesie wirkten seine besten Filme fast französisch. Er realisierte sie in den letzten Jahren des Dritten Reiches: "Romanze in Moll" nach Maupassant und "Unter den Brücken". Sie werden bleiben. In den fünfziger Jahren war Käutner der prominenteste deutsche Kino-Regisseur. Viermal verfilmte er Zuckmayer (darunter "Des Teufels General" und "Schinderhannes"), er wagte sich an das Problem der deutschen Teilung ("Himmel ohne Sterne"), verlegte Hamlet ins Ruhrgebiet ("Der Rest ist Schweigen"), ließ sich für zwei Filme sogar nach Hollywood verpflichten. Käutner ging immer viel zu verschwenderisch mit seinem großen Talent um, stellte es oft Projekten zur Verfügung, die seiner subtilen Kunst nicht würdig waren. Im Theater hat er so ziemlich alles inszeniert, von der "Fledermaus" bis zur "Katze auf dem heißen Blechdach". Als er im Kino keinen Erfolg mehr hatte, wandte er sich begeistert dem Fernsehen zu, schenkte ihm einige schöne Anouilh-Inszenierungen, machte auch den "Kommissar" und "Derrick". Das große Publikum schätzte ihn als sinistren Schurken-Darsteller in Kriminalfilmen. Hans Jürgen Syberberg gab ihm die Titelrolle in seinem "Karl May". In den letzten Jahren hörte man oft, daß es ihm schlecht ginge. Er zog sich mit seiner Frau in ein abgelegenes Haus in der Toskana zurück. Dort ist Helmut Käutner, der vielseitigste unter den Regisseuren des alten deutschen Films, am letzten Sonntag im Alter von 72 Jahren gestorben.