Von Rudolf Herlt

Zuckmayers General Harras (Udet) konnte ohne die Fliegerei nicht leben. Deshalb ließ er sich mit Hitler ein und wurde „des Teufels General“. Hjalmar Schachts Leidenschaft war die Wirtschafts- und Währungspolitik. Weil er ohne sie nicht leben konnte, wurde er „des Teufels Notenbankchef In dem Buch von

Heinz Pentzlin: „Hjalmar Schacht. Leben und Wirken einer umstrittenen Persönlich keit.“ Ullstein Verlag, Berlin 1980, 296 S., 36,– DM

wird diese tragische Verstrickung des Währungs-Politikers ebenso deutlich wie seine Rolle in der Politik. Schon die Verknüpfung seines Wirkens auf diesen beiden Gebieten mit seinem Leben zu einer zusammenfassenden Darstellung rechtfertigt dieses Buch. Denn außer, den Memoiren gibt es über Schacht nur verzerrende Darstellungen eine aus der Feder eines Gegners (Norbert Mühlen) und eine aus der Feder eines Freundes (Franz Reuter). Der amerikanische Nationalökonom Amos E. Simpson hat nur die Währungs- und Finanzpolitik Schachts beschrieben und beurteilt. Heinz Pentzlin, den Freunde Schachts und dessen Frau zum Schreiben ermuntert haben, wählte die Rolle des wohlwollenden Kritikers.

Als Sachbearbeiter des Reichswirtschaftsministeriums in der Reichsstelle für Außenhandel erlebte er Schachts Eintritt in das Ministerium und kam bald mit Schachts engsten Mitarbeitern (darunter der spätere Bundesbankpräsident Karl Blessing) in ein Vertrauensverhältnis. In dieser Funktion und später als Journalist lernte Pentzlin die Kämpfe um Schachts Politik in der Reichsregierung und an der Spitze der Reichsbank aus der Sicht der Handelnden kennen. Dadurch konnte er Vorgänge erklären und deuten, die Außenstehenden verwirrend und widerspruchsvoll erscheinen mußten.

An Widersprüchen ist das Leben Schachts wahrlich nicht arm. Mit 46 Jahren beendet er als Reichswährungskommissar 1923 die galoppierende Inflation; als Reichsbankpräsident kämpft er für die Begrenzung der Auslandsverschuldung des Staates; 1930 legte er aus Protest gegen den Young-Plan und die Weiterzahlung von Reparationen sein Amt nieder, nahm Kontakt mit der Harzburger Front auf und unterstützte schließlich trotz anfänglicher Bedenken eine Kanzlerschaft Hitlers. Unter ihm wurde er wieder Reichsbankpräsident (1933 bis 1939), zugleich Reichswirtschaftsminister (1934 bis 1937). Als Wirtschaftsminister schied er nach einem Krach mit Göring aus, als Reichsbankpräsident wurde er nach heftiger Kritik an wirtschaftspolitischen Absichten der Regierung von Hitler entlassen. Noch als Minister ohne Geschäftsbereich suchte er den Kontakt zu Widerstandsgruppen, wurde im Juli 1944 verhaftet und ins KZ geworfen. Trotzdem stand er als einer der 19 Hauptangeklagten Vor den Schranken des Nürnberger Gerichts, wurde aber 1946 freigesprochen. Zermürbende Entnazifizierungs-Verfahren zogen sich bis 1950 hin. Mit 75 Jahren wurde Schacht selbständiger Privatbankier. Mit 86 schied er aus seinen Bankhäusern in Hamburg und Düsseldorf aus; mit 93 starb er an den Folgen eines Unfalls.

Das Charakterbild eines Mannes dieses Zuschnitts schwankt natürlich im Urteil seiner Zeitgenossen. War er der „Retter der Mark“, der „Magier des Geldes“ oder war er der „Verbrecher, der der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft außerordentliche politische, wirtschaftliche, propagandistische und sonstige Unterstützung gewährte“, wie es der öffentliche Kläger bei der Spruchkammer Stuttgart behauptete? Hatte das Nürnberger Tribunal recht mit seinem Freispruch oder war Schacht – wovon sein Zeitgenosse und Mitakteur, Staatssekretär Hans Schäffer, nach Darstellung seines Biographen Eckhard Wandel überzeugt war – für das Geschehen moralisch ebenso verantwortlich wie andere, weniger begabte Angeklagte?

Pentzlin bemüht sich, Schacht weder zu glorifizieren noch zu verdammen. Er erzählt sein Leben und Wirken im politischen Kontext der Zeit. Dabei wird er den beiden großen Leistungen Schachts – die Beendigung der Inflation von 1923 und die Überwindung der Arbeitslosigkeit mit modernen wirtschaftspolitischen Methoden nach 1933 – gerecht. Ein Erklärungsrest bleibt jedoch zunächst bei der Frage, warum Schacht, der Hitler schon Anfang 1931 persönlich kennengelernt und negativ beurteilt hatte, sich später dennoch von ihm für höchste Ämter einspannen ließ. Daß er sich „in der Beurteilung der wirkenden Kräfte geirrt“ und den „diabolischen Charakter des Führers der nationalsozialistischen Bewegung“ damals nicht erkannte hatte, ist nicht zu bestreiten. Nur – warum hat er sich so geirrt?

Pentzlin entwirft ein klares Bild dieses Mannes: Er ist ungewöhnlich intelligent, selbstbewußt, mutig, charakterfest, schlagfertig und war stets bereit, aus Fehlern persönliche Konsequenzen zu ziehen. Dennoch ist er der tragischen Verstrickung nicht entgangen. Die tieferen Gründe sind auch bei Pentzlin nachzulesen, werden aber nicht zu einer zentralen These ausgebaut. Schacht, der sich gerne in Versen mitteilte, habe einmal zum Vorwurf des Opportunismus geschrieben:

„Opportunismus ist die Kraft,

den Augenblick beim Schopf zu fassen.

Hab’ ich was Rechtes damit geschafft,

will ich mich ruhig schelten lassen,

mein Charakter sei nicht dauerhaft.“

Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis dieses umstrittenen. Mannes: Er hat sich stets mit den Kräften verbündet, die herrschten oder sich zum Herrschen anschickten. In der Weimarer Zeit sympathisierte Schacht mit der Demokratischen Partei und wurde Reichsbankpräsident. Als er merkte, daß die Männer der „Systemparteien“ mit ihrem Latein am Ende waren, gab er Funksignale nach rechts. Als Hitler an die Macht kam, stand er an dessen Seite, wenn auch zunächst in der Absicht, als Dompteur den Löwen zu bändigen. Und wieder wurde er Reichsbankpräsident. Als er sah; was die Nationalsozialisten, anrichteten, näherte er sich dem Widerstand. Hatten es die Nachkriegspolitiker erlaubt – dieser Mann hatte seine Sympathie für die CDU entdeckt und wäre noch Bundesbankpräsident geworden. Dabei war er weder Nationalsozialist noch Widerstandskämpfer noch wäre er ein überzeugter CDU-Mann geworden. Er war immer nur Opportunist,

Die Biographie, die allein solche Einsichten erlaubt, ist heute eine vernachlässigte Form der Geschichtsschreibung, obwohl das historisch interessierte Publikum eher wieder gewachsen ist. Das mag damit zusammenhängen, daß sich die zeitgeschichtliche Biographie stärker an Fragestellungen und Methoden der Sozialwissenschaften orientieren muß, die vielen Historikern fremd sind. Heinz Pentzlin, der Nationalökonom und Journalist, wagte sich an die neue Aufgabe heran und leistete methodische Pionierarbeit.