Was passiert mit unserer Ölversorgung, wenn der amerikanische Präsident Jimmy Carter den Iran mit einer Seeblockade zur Freigabe der Geiseln zu bewegen versucht? Was passiert, wenn Carter oder vielleicht sogar Ajatollah Chomeini selbst die Sperrung der Straße von Hormuz anordnen und so den Ölstrom aus dem arabischen Golf gänzlich abschneiden?

Die Verminung und Blockade der iranischen Ölhäfen Bandar Moshur, Bandar Deylam und der Insel Kharg träfe den Westen insgesamt kaum noch (linkes Schaubild). Denn der Iran exportiert, wie Erdölminister Moinfar vor wenigen Tagen bekanntgab, nur noch 1,35 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Das entspricht einem Jahresexport von rund siebzig Millionen Tonnen. Diese Menge kann der Westen leicht einsparen. Experten haben für 1980 ohnehin einen weltweiten Rückgang des Ölkonsums um drei Prozent vorausgesagt. Das wären dann schon 75 Millionen Tonnen pro Jahr, also mehr, als der Iran beim Verzicht auf eine Blockade exportieren wird.

Selbst der Bundesrepublik, die im ersten Quartal 1980 rund 15 Prozent ihres Rohölbedarfs aus iranischen Quellen deckte, droht im Falle einer Blockade der persischen Ölhäfen keine Versorgungskrise. Vom zweiten Quartal anwerden die deutschen Ölgesellschaften ohnehin weniger Iran-Öl kaufen, weil es seit April teurer geworden ist, und die Tanks der Ölkonzerne und Verbraucher sind so gut gefüllt, daß kleinere Lieferausfälle verschmerzt werden können.

Wenn der Iran die seit dem Jahresanfang unterbrochenen Erdgaslieferungen in die Sowjetunion wieder aufnimmt, könnte er einen Teil der entgangenen Öleinnahmen damit ausgleichen. Öl kann er den Sowjets nicht liefern. Es gibt keine Ölleitung, die beide Staaten miteinander verbindet und mit der sich eine Seeblockade der Amerikaner zumindest teilweise umgehen ließe. Der Iran ist vollständig auf den freien Zugang zu seinen Ölhäfen im Golf angewiesen.

Ungewiß ist das Verhalten der anderen Opec-Staaten, wenn Carter die iranischen Häfen blockiert. Libyen und Algerien haben zu erkennen gegeben, daß sie sich mit dem Iran solidarisieren und ihre Ölproduktion einstellen würden. Beide Länder zusammen tragen mit sechs Prozent zur Ölversorgung der westlichen Welt bei. Ihr Anteil an der deutschen Ölversorgung liegt allerdings wesentlich höher. Libyen lieferte 16,2 Prozent und Algerien 9,1 Prozent des Rohöls im vergangenen Jahr.

Vor allem Algerien kann es sich aber nicht leisten, daß die Öleinnahmen ausbleiben. Selbst dem reichen Libyen dürfte es sehr schwer fallen, längere Zeit auf Petrodollars zu verzichten. Und was von Solidaritätsbekundungen der beiden Staaten zu halten ist, wurde erst vor wenigen Wochen deutlich, als sie verkündeten, kein Öl mehr in die USA zu liefern, um sie damit für ihre Nahost-Politik zu bestrafen. Das Öl fließt nach wie vor in die Vereinigten Staaten, weil Libyen nicht bereit war, die mit dem Lieferstopp drohenden Einnahmeausfälle der ärmeren Algerier auszugleichen.

Rationierung, Fahrverbote und Bezugscheine für Heizöl und Benzin werden aber mit Sicherheit zum bundesdeutschen Alltag gehören, wenn die Straße von Hormuz gesperrt wird (Schaubild rechts). Durch diese Meeresenge transportieren Tanker jährlich etwa 800 Millionen Tonnen Rohöl. Das waren im vergangenen Jahr knapp ein Drittel des Ölverbrauchs der westlichen Welt. Vierzig Prozent des Rohöls, das die Bundesrepublik importiert, muß die Straße von Hormuz passieren. Andere Transportwege sind ohne praktische Bedeutung.

Die Transarabische Pipeline (TAP), durch die von den saudi-arabischen Ölfeldern bei Dahran 25 Millionen Tonnen Rohöl nach Sidon am Mittelmeer gepumpt werden könnten, liegt seit 1975 still, weil Tanker das Öl billiger transportieren. Die TAP könnte zwar nach Ansicht von Fachleuten in relativ kurzer Zeit wieder in Betrieb genommen werden, aber das damit verfügbare Rohöl wäre nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Die von den Saudis geplante Pipeline vom Golf ans Rote Meer bei Yanbus ist frühestens Mitte nächsten Jahres fertig. Diese Ost-West-Pipeline soll am Anfang rund 92 Millionen Tonnen Rohöl transportieren. Wenn sie mit allen technischen Einrichtungen ausgestattet sein wird, sollen jährlich rund 200 Millionen Tonnen Rohöl durch die gigantischen Stahlröhren fließen – mehr als durch jede andere Pipeline der Welt. Der rasche Bau neuer Pipelines zur Umgehung einer Blockade ist allerdings völlig unmöglich.

Eine Blockade der Straße von Hormuz würde auch die USA mit großer Härte treffen. Daß sie selbst Minen in diese Fahrrinne legen werden, ist damit unwahrscheinlich. Iranische Blockadeversuche aber würden Gegenmaßnahmen der Vereinigten Staaten provozieren. Peter Christ