Von Aloys Behler

Münchhausen, kein Zweifel, ritt auf einer Billardkugel. "Und hoppla, da sprang der Ball über den Rand des Billards, rollte durch den Saal, die Treppe hinunter und zur Vordertür hinaus. Ich rannte hinter ihm her und sah, wie er eben in einer Seitenstraße verschwand. ‚Ja‘, sagte Peter, seinem Kabinettstückchen mit Genugtuung nachschauend, ‚das können die wenigsten. Nur mein Kollege Löwe beherrscht dies noch besser, er läßt den Ball bei den Verkehrslichtern, wenn sie Rot zeigen, auch noch anhalten..."‘

Wie man sieht an dieser unter der Überschrift "Racker – diese Billardspieler" im Programmheft der jüngsten Europameisterschaft im holsteinischen Wedel wiedergegebenen Geschichte, einem Schmuckstück von Billardlatein für alle Festschriften, muß man am Billardtisch auf allerhand gefaßt sein. Billardlatein? Beim Queue und allen Kugeln – es ist die reine Wahrheit.

Wer den Meistern der schwarzen Kunst auf grünem Kammgarntuch einmal einen Tag lang zugesehen hat, wie sie mit dem Edelholzstock, dem Queue, aufs Elfenbein anlegen, wie sie per Mittelstoß, Tiefstoß, Hochstoß oder Effetstoß Bälle über scheinbar krause Gedankengeleise schicken, sie an unsichtbaren Fäden ziehen und ferngelenkt in geheimnisvollem Zickzack tatsächlich zur geplanten Karambolage führen – der ist am Ende der unerschütterlichen Überzeugung: Beim Billard ist kein Ding unmöglich.

Racker – diese Billardspieler! Zehn der besten Racker Europas trafen sich kürzlich in Wedel zur Meisterschaft im Einband-Spiel. Unter ihnen der unübertreffliche belgische Billardartist Raymond Ceulemanns (36mal Europameister, 27mal Weltmeister), sein Landsmann Ludo Dielis (zehnmal Europameister, dreimal Weltmeister) und Dieter Müller aus Berlin (28mal Deutscher Meister, siebenmal Europameister, viermal Weltmeister).

Was sie so meisterlich beherrschen, ist im Prinzip leicht erklärt, in der Praxis jedoch auch vom größten Talent erst nach Jahren härtesten Trainings nachzuvollziehen. In allen Billardsportarten geht es zunächst einmal darum, mit dem eigenen weißen Ball (dem Stoßball) den anderen weißen und den roten Ball (die Spielbälle) in beliebiger Reihenfolge zu treffen. In der "Freien Partie" macht so ein Billardgenie leicht fünfhundert Points hintereinander. Von größerem Reiz ist Billard unter erschwerten Bedingungen, zum Beispiel das Einband-Spiel: Der Ball des Spielers muß mindestens einmal die Bande berührt haben, bevor er den dritten Ball trifft.

Wer im Einband einen Durchschnitt von zehn Points pro Aufnahme erzielt, darf sich zur Weltklasse rechnen. Daran mag man die Schwierigkeit ermessen. Der Durchschnitts-Weltrekord für eine Partie liegt bei 66,66, der Serienweltrekord bei 199 Punkten. Billard in dieser Form ist Höchstleistungssport. Die Aktiven – im Deutschen Billardbund sind etwa elftausend organisiert – legen größten Wert darauf, daß ihre Wettkämpfe nicht mit dem Wirtshaus- und Gesellschaftsspiel Billard verwechselt werden. Sie leiden unter dem Kneipen-Image, das sie zu Unrecht noch immer verfolgt.

Nein, kein Al Capone tritt mit dem Queue ins Hinterzimmer. Die alten Klischees möchten sie endlich loswerden. Deshalb werden Wettkämpfe nach Möglichkeit auch nicht mehr in Gaststätten veranstaltet, sondern in Festsälen und Sporthallen. Arena der 28. Einband-Europameisterschaft in Wedel, die am Ende Dielis vor Ceulemanns und Müller gewinnt, ist die Aula der Ernst-Barlach-Schule. Liebevoll hergerichtet von den Mitgliedem des Billardclubs Wedel 61, aber ein Platz von extremer Trockenheit für jemand, der bei Billard zugleich, an Bier denkt. Es gibt nur Kaffee; Alkohol und Zigaretten sind verpönt. Peinlich korrekt sind Aufzug und Anzug der Meisterschaftsteilnehmer: schwarze Hose, schwarze Weste, weiße Kragenspitzen. Ein Knabenchor könnte sich nicht braver präsentieren.

Für den BC Wedel, der sich in den knapp zwanzig Jahren seines Bestehens dank intensiver Jugendarbeit zu einer Billard-Hochburg im Norden entwickelt hat, ist die Meisterschaft das erste große Ereignis dieser Art. Gemessen am kugelstoßfreudigen Westen ist Norddeutschland Billard-Diaspora, nur acht Vereine zählt der norddeutsche Verband. Billard hat kein Massenpublikum, ist kein Massensport. Obwohl sie gegen etwas mehr Popularität nichts einzuwenden hätten, wissen die Billardspieler die Intimität wohl zu schätzen: Sie fühlen sich als eine große Familie

Der Clan der Meister trifft sich bei vielen Gelegenheiten in derselben Besetzung; da werden Gegner zu Kollegen, Rivalen zu Freunden. Und es ist ganz selbstverständlich, daß sie die Geheimnisse ihrer Kunst untereinander weitergeben. Weltmeister Dieter Müller, der vieles beim Weltmeister Ceulemanns gelernt hat, lernt auch heute noch bei ihm, und er scheut sich nicht, das "Lehrgang" zu nennen.

Billard ist Leistungssport auf leisen Sohlen, ein lautloser Kampf mit der Tücke des Objekts. Zuschauer schnalzen allenfalls heftig mit den Fingern, wenn ein gelungener Stoß sie zu Beifall hinreißt. Die Spieler am Tisch, weltvergessen auf die Bälle fixiert, in tausend Verrenkungen auf der Suche nach der günstigsten Position, leisten Schwerarbeit auf der Stelle. Die zermürbende Daueranspannung während eines Turniers macht sie regelmäßig um ein paar Pfund leichter.

Weltmeister Dieter Müller, 37 Jahre alt, schlank, fast hager, ist froh, nach 120 Turniertagen zwischen September und April am Ende der Saison zu sein. Er ist, wie alle seine Kollegen, Amateur mit Anspruch auf ein paar Mark Tagesspesen. Und er muß, wie alle seine Kollegen, Sport und Beruf in Einklang bringen. Als Gastronom und Besitzer eines Billardsportzentrums in Berlin hat er das geschafft. Dieter Müller, Arbeitersohn aus Neukölln, lebt nicht vom Biliare, aber er weiß, daß er mit Billard und durch Billard geworden ist, was er ist.

Am meisten bewundern und fürchten die Gegner Dieter Müllers sprichwörtlich gute Nerven. Neben guter physischer Kondition sind gute Nerven die wichtigste Voraussetzung fürs Billard-Handwerk. "Nervös darf man sein", sagt er, "aber merken darf es keiner." Im Gegensatz etwa zu einem Fußballspieler kann ein Billardspieler innere Anspannung nicht nach außen abreagieren. Alle Erregung muß innerlich verkraftet werden, denn die Möglichkeit, mal aus der Haut zu fahren, ist nicht gegeben. "Deshalb", sagt Dieter Müller, "ist dieses Spiel eine hervorragende Charakterschule."

Präzision ist alles beim Billard. Mit zartestem Griff fassen die Schiedsrichter während der Partie von Zeit zu Zeit nach der Kugel, fahren ihr mit dem Staubtuch behutsam über den polierten Bauch und setzen sie mit spitzen Fingern wieder auf. Gegen Billardkugeln, denkt man, müssen rohe Eier wie Kieselsteine sein.

Als bei der Meisterschaft in Wedel die Männer am Spieltisch plötzlich unruhig werden und unkontrollierte Stöße sich häufen, dauert es nicht lange, bis man die Ursache entdeckt: Jemand hat versehentlich an der Klimaanlage gedreht. Veränderte Temperatur heißt veränderte Luftfeuchtigkeit – heißt mehr Stäubchen an der Kugel. Die Bälle werden eigensinnig, machen bei der Karambolage nicht mehr "klick", silberhell und glockenrein, sondern dumpf "klack" oder gar "klock" – eine Kakophonie in Expertenohren.

Nachts, so geht ein Gerücht, lagern Billardspieler ihre Bälle in einem klimatisierten Raum, damit sie ihre Spannkraft wiedererlangen, sozusagen wieder kugelrund werden. Beim Billard ist nichts unmöglich. "Sie wissen", erzählt Münchhausen während der Spielpause, "daß man Billardbälle, genau wie das Billard, vorwärmt. Manche Spieler setzen sich einen Tag vor dem Wettkampf darauf. Ich mag das nicht. Ich stecke sie in den Mund."