Nach dem Fehlschlag des Geiselbefreiungsunternehmens im Iran ist Senator Edmund Muskie überraschend zum neuen amerikanischen Außenminister ernannt worden.

Die Nominierung war kaum heraus, da flog schon durch Washington das Wortspiel von den two poles apart: Wie gegensätzliche Pole sind das Weiße Haus und das Außenministerium politisch voneinander entfernt. Nun stehen sich trennend auch noch zwei Polen gegenüber – Brzezinski der eine, Muskie der andere.

Dem Stephan Marciszewski nämlich, der 1903 aus der Gegend von Bialystok eingewandert war, in Buffalo ein polnisches Mädchen geheiratet und im Städtchen Rumford im Staate Maine eine Schneiderwerkstatt eröffnet hatte, war der Name seiner Väter zu lang und für die Yankee-Umwelt zu unbequem geworden. So erfand er Muskie und war stolz auf seine Erfindung. Als im Jahre 1914 eines seiner sechs Kinder geboren wurde, erhielt es bereits den Namen Edmund Sixtus Muskie. Dieser Edmund war ein scheues Kind, verinnerlicht; vielleicht würde man heute „introvertiert“ sagen.

In den ersten vierzig Jahren seines Lebens schien sich nicht allzuviel zu bewegen: Schule, College, Marineoffizier im Zweiten Weltkrieg und danach, mehr für den Broterwerb denn aus Neigung, der Beruf des Anwalts in einer recht und schlecht gehenden kleinen Praxis. Was Ed Muskie an Verstand, Fleiß und Auffassungsgabe, an Temperament und Kunstfertigkeit im Umgang mit Menschen in sich hatte, das kam erst zum Vorschein, als er sich um das Amt des Gouverneurs von Maine bewarb und prompt gewählt wurde, zweimal sogar. Danach kandidierte er für den amerikanischen Senat, und seit 1958 ist er nun ununterbrochen der „demokratische Senator Muskie aus Maine“ gewesen. Dabei war er alles andere als typisch für Main; – Demokrat in diesem urrepublikanischen Neuenglandstaat, Katholik unter Protestanten.

In Washington überwarf sich der Senatsneuling zunächst einmal mit dem mächtigen Führer der demokratischen Mehrheitsfraktion, Lyndon B. Johnson, indem er die von Johnson geforderte Abstimmungsdisziplin verweigerte. Muskie landete deshalb in scheinbar zweitrangigen Ausschüssen, doch machte er aus der Not eine Tugend und wurde zum Vorreiter der später politisch so wichtigen Gesetzgebung zum Schutze der Umwelt.

Bundesweite Prominenz erlangte der Mann aus Maine mit der hünenhaften Gestalt 1968, als er neben dem Präsidentschaftsbewerber Hubert Humphrey um die Vizepräsidentschaft kämpfte. Muskie machte seine Sache so gut, daß er sich vier Jahre später selber um das höchste Amt bewarb. Präsident zu werden, das wünschte er sich. Aber das Drum und Dran zu ertragen, bis einer dahin kommt, das wollte und konnte er nicht.

An Muskies eigenem Temperament brach sein Wahlfeldzug buchstäblich zusammen: Das war, als er seinem Zorn über die pausenlosen Diffamierungen des Zeitungsverlegers Loeb in New Hampshire richtig Luft machen wollte und dabei in tonlosem Schluchzen endete. „Muskie weint im Schnee“, verkündeten die Schlagzeilen anderntags. Das hat ihn tief und grundsätzlich unverdient getroffen, obwohl er weiß, wie sensibel er ist. Der gemeinhin so freundliche und umgängliche Ed Muskie kann einen gerechten Zorn in sich hineinfressen, aber auch rasch außer sich geraten.