Frankfurt a. Main

Eine alte Dame, die in Griechenland ihren Urlaub verbrachte, und drei deutsche Richter haben der Bundesrepublik einen Skandal beschert. Die 24. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt hat, wie berichtet (ZEIT Nr. 19), in einem Urteilsspruch einer auf Schadensersatz klagenden Rentnerin bestätigt, daß eine Gruppe Schwerbehinderter eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen könne.

Empörte Reaktionen in der Öffentlichkeit versuchte das Landgericht in einer Pressekonferenz mit der Erklärung zu beschwichtigen, man habe auf keinen Fall Körperbehinderte diskriminieren wollen. Der Vorsitzende Richter Tempel rechtfertigte das Urteil mit einer Schilderung der behinderten Personen, einer Gruppe aus Schweden. Die Klägerin sei von verunstalteten geistesgestörten Menschen belästigt worden, die keiner Sprache mächtig gewesen seien, in unregelmäßigem Rhythmus unartikulierte Schreie ausgestoßen und gelegentlich Tobsuchtsanfälle bekommen hätten.

Niemand außer der Klägerin hatte jedoch die Behinderten jemals gesehen. Deshalb fuhr ich am 2. Mai nach Schweden, um die Gruppe zu besuchen, In Stockholm traf ich Per-Olov Kallman, den geschäftsführenden Direktor des Bundesverbandes für bewegungsbehinderte Kinder und Jugendliche, der die Griechenlandfahrt organisiert hatte. Ich sprach außerdem mit vier Teilnehmern der Reise, einem Begleiter und drei der 20 (nicht wie im Urteil steht: 25) Behinderten. Einer der drei Behinderten war ein Spastiker, leicht sprachbehindert, ein ruhiger stiller Mensch. Die zweite ebenfalls Spastikerin, auch leicht sprachbehindert, mit jenen fahrigen Bewegungen, die Spastikern eigen sind. Die dritte im Kreis war für einen Laien als Behinderte überhaupt nicht zu erkennen. Sie studiert Jura, Auch von ihr können jene unartikulierten Schreie nicht stammen, die im Urteil beschrieben sind.

In der Gruppe waren wohl etliche Spastiker, die Schwierigkeiten haben, ihre Bewegungen zu koordinieren, geistig behindert sind diese nicht, und tobsüchtig schon gar nicht. Ich fand keinen, auf den die Beschreibung der Zivilkammer paßt.

– Die schwedische Gruppe kann sich an die deutsche Frau nicht erinnern, sie weiß auch nichts von Beschwerden. Wohl aber der griechische Hotelbesitzer Tripiklis, der der schwedischen Abendzeitung Expressen am 5. April erklärte: „Eines Tages kam sie in mein Büro. Sie war sehr aufgeregt und erklärte, daß dies mehr ein Hospital als ein Erster-Klasse-Hotel sei,“ Laut Tripiklis haben sich noch mehr Deutsche beschwert, ihre Kinder seien durch die Schweden erschreckt worden. Die Behinderten bestreiten, daß jemand beim Essen belästigt worden sei. Denn nach drei Tagen seien sie von den Gästen separiert worden, Im Urteil heißt es dagegen, die Klägerin habe der Gruppe nicht ausweichen können,

Rolf Jörgensen vom Verband der Bewegungsgestörten in Göteborg war der Leiter der Reisegruppe. Er erklärte Expressen: „Ich kann es gar nicht glauben, daß das wahr ist. Wir merkten nicht, daß die deutschen Gäste uns nicht mochten, manchmal spendeten uns die Hotelgäste spontan ihre Sympathie und sagten, wie glücklich sie über den Aufenthalt der Behinderten seien.“ Jörgensen wird bestürzt sein, wenn er erfährt, daß die Körperbehinderten seiner Gruppe von deutschen Richtern für Geistesgestörte gehalten werden.