Freiburg

Semesteranfang in der Universität Freiburg. In einer Einführungsvorlesung für Erstsemester bei dem Historiker Reinhard Mielitz sitzen vier buntbemützte Studenten mit Bändern und Zipfeln in der ersten Reihe – allein. Die 150 anderen Studenten haben diese Bank gemieden. Rektor Bernhard Stoeckle übersieht die geschmückten Kommilitonen. Er schweigt zu ihrem Erscheinen. Mielitz aber rügt, in seinem Referat die bunte Demonstration. Seit Jahrzehnten hat es so etwas nicht gegeben. Der Historiker weist auf einen Senatsbeschluß von 1964 hin, in dem das Farbentragen auf Universitätsgelände verboten wurde – ein früheres Verbot aus dem Jahr 1949 bestätigend, doch mit anderen Gründen. Die kolorierten Studenten kommen in der Vorlesung zu Wort, sie begründen ihren Vorstoß, rechtfertigen ihn.

Neue alte Zeiten ziehen nun also auch in Freiburg herauf. Eine heftige Diskussion beginnt. In der Universitätsstadt gibt es vier Corps, farbentragend und schlagend, fünf Burschenschaften, alle tragen Farben, die meisten schlagen sich, und einige Verbindungen, die Farben tragen und Mensuren fechten. Die katholischen CV-Verbindungen tragen Farben, fechten aber nicht. Die vier Kommilitonen en Couleur in der ersten Bank waren „Teutonen“ (schwarz-rot-gold), einer von ihnen ist der Sprecher mehrerer Korporationen. Offenbar halten sie, die Zeitläufte für günstig

Die Freiburger Badische Zeitung fand den Vorfall bemerkenswert und berichtete. Die Burschenschaft Teutonia antwortete mit einer mächtiger „Gegendarstellung“: „Richtig ist, daß die Mitglieder... mit Band, Mütze und Zipfel, aber nicht im Wichs gekommen waren.“ Rektor Stoeckle, Professor der Moraltheologie, ließ verlauten, er habe nichts dagegen, daß Verbindungsstudenten auch auf dem Campus ihre Farber. trügen. Der aus Freiburg stammende Bonner Staatssekretär Rolf Böhme (SPD) attackierte Stoeckle mit der Bemerkung, dessen laissez-faire sei die Verharmlosung einer politisch reaktionären Haltung. Die nun beabsichtigte Aufhebung des Verbotes von 1964 sei kein Akt der Toleranz, sondern eine Einladung, reaktionäre Gesinnungen zu demonstrieren, die in Deutschland genug Unheil angerichtet hätten. Böhme hielt dafür, mit der guten Tradition der Universität aus der Nachkriegszeit nicht zu brechen.

Zahlreiche Leserbrief Schreiber, aber auch der Rechtsberater des Rektors, Professor Martin Bullinger, ein Jurist, und der Akademische Senat befaßten sich nun mit der Couleur auf Uni-Gelände. Bullinger hielt den Senatsbeschluß von 1964 für „obsolet“, also für nicht mehr wirksam. Er wolle es „dahingestellt sein lassen“, ob der Entscheid von 1964 legitim gewesen sei – das ist eine feinsinnige Juristenfloskel dafür, daß der Gutachter das damalige Verbot für rechtswidrig hält. Der Akademische Senat will nun auf der nächsten Sitzung beschließen, „daß studentische Gruppen im Umgang miteinander sich größtmöglicher Toleranz und Mäßigkeit befleißigen sollten“ (Stoeckle). Deutlicher: Das Verbot wird aufgehoben, wenn der Senat seine Meinung nicht noch ändert.

Bernhard Stoeckle, vor kurzem wegen „liberalerer Haltung“ dem Politologen Dieter, Oberndörfer, vorgezogen und wieder zum Rektor gewählt, von politischer denkenden Kollegen häufig der Naivität geziehen, meint zum farbigen Problem sehr entschieden: „Wir können in der Universität keine Kleiderordnung erlassen.“ Innerhalb der Universität müsse dasselbe gelten wie außerhalb. In den sechziger Jahren sei auch versucht worden, Studentinnen das Tragen von Hosen zu verbieten und für Männer kurze Buxen zu verpönen. Rote Embleme, Anti-Strauß-Plaketten, „KKW-Nein-Danke“ und die sonstigen Dekorationen: „Ich dulde das alles“, sagt Stoeckle selbstbewußt-liberal.

„Die Korporationen haben in ihrer Gründerzeit Farben getragen, um ihre freiheitliche, republikanisch-demokratische Gesinnung zu zeigen. Ihre Tradition reicht weiter zurück als in die Weimarer Republik und die Hitlerzeit. Man kann die Söhne auch nicht für die Sünden ihrer Väter verantwortlich machen. Schauen Sie nach Heidelberg und Tübingen, da laufen sie schon lange in Farben herum – und niemand hat das in die Presse gebracht“, so Rektor Stoeckle. Die Uni mache sich mit einem Verbot nur lächerlich; sie müsse das Farbentragen tolerieren.

Von den Gegnern dieser Politik wird solche Meinung als scheinliberal und unpolitisch kritisiert. Vor allem die Freiburger Historiker betrachten sich als politisches Gewissen der Universität. Sie mahnen. In einem einstimmigen Beschluß haben sie verdeutlicht, daß die Aufhebung des Verbotes, innerhalb der Universität Farben zu tragen, politisch und historisch nicht vertretbar sei. Sie: stellen die antimonarchistische, freiheitliche Tradition der Korps nicht in Frage, erinnern aber daran, daß diese Tradition im Kaiserreich abbrach.

Die Burschenschaften und Korps, die oft erst unter Kaiser Wilhelm gegründet wurden, seien weitgehend großdeutsch, revanchistisch, antisemitisch und autoritär-antidemokratisch geworden. Bis heute seien sie frauenfeindlich und nähmen oft keine Ausländer auf. Sie verfestigten hierarchische Strukturen und kultivierten unter dem Motto „Lebensfreundschaft“ Ämterpatronage, Beziehungsmeierei und elitäres Gehabe, Durch die rüde Ablehnung von Weimar hätten sie der Republik mit zum Untergang verholfen. Daß Hitler sie alle gleichgeschaltet habe, sei dagegen kein Argument. Sie hätten insgesamt eine für die deutsche Geschichte verhängnisvolle Rolle gespielt.

Die Zulassung ihrer Farben auf dem Universitätsgelände bedeute eine politische Aufwertung von Zielen und Haltungen, die ein demokratischer Staat nicht billigen könne. Die Historiker fürchten vor allem die Polarisierung, die durch die Farben entstünde. Die extrem linken Gruppen hätten seit Jahren keine Bedeutung mehr. Sie warteten nur auf derartige Provokationen. Da die Korporationen überwiegend von reaktionär gesinnten alten Herren gefördert würden, seien ihre Interessen nicht die der Studentenschaft und der Universität.

In Freiburg wird es als zweifelhaft angesehen, ob der Rektor die Couleurs weiter auf der Ebene einer Kleidersammlung behandeln lassen kann. Vielleicht horcht er noch in sich hinein. Thema seiner Vorlesung, dienstags zwischen 18 und 19 Uhr: „Umwelt und christliche Verantwortung“.

Hanno Kühnert