Von Margrit Gerste

London

Jeden Morgen um Punkt 10. 30 Uhr sind dreihundert Jahre nichts. Wenn im Central Criminal Court, dem ehrwürdigen Londoner „Old Bailey“, die Verhandlung beginnt, wird das Tribunal für Minuten zur Bühne, auf der ein Klassiker gespielt wird. Die Kostüme: schwarze Roben, weiße Bäffchen, winzige grau-weiße Perücken mit zwei wippenden Zöpfchen und ein purpurrotes Gewand für den High-Court-Richter. Die Sprache: Schönes 19. Jahrhundert – „All persons who have anything to do before My Lords the Queen’s Justices at the Central Criminal Court draw near and give your attendance. God Save the Queen!“ proklamiert der „usher“, nachdem er dreimal ehrgebieterisch mit einem Stab geklopft hat.

Es tritt ein der „rote Richter“, eskortiert von einem städtischen Würdenträger mit Rüschenjabot, Amtskette und Dreispitz. Der Richter schreitet zu seinem mächtigen Sitz neben dem goldenen Schwert der Gerechtigkeit, den Blick prüfend auf die kommenden Akteure gerichtet. Die Perücken neigen sich zur tiefen Verbeugung. Ein des Mordes Angeklagter glaubte sich einst, aus seiner dunklen Zelle ins „Dock“, die Anklagebank stolpernd und ’plötzlich’ dieser Szene angesichtig, schön im Jenseits und vorm Jüngsten Gericht. Geistig verwirrt mußte er wieder in die Zelle gebracht werden...

Court 1 ist eröffnet. Die zwölf Geschworenen sind vereidigt. Court 1: Seine Szenerie und das Geschehen in ihm haben so manchen Thriller inspiriert, Schlagzeilen gemacht und Sensationsgier befriedigt. Oscar Wilde stand vor den Schranken dieses Gerichts, aber auch der mysteriöse Dr. Crippen, der seine Frau vergiftete, säuberlich zerlegte und einzementierte – Stoff für einen deutschen Kriminalfilm. Und – im Sensationsprozeß des vergangenen Jahres – Jeremy Thorpe, Parteiführer der Liberalen und der Anstiftung zum Mord angeklagt. Viele Menschen wurden von hier aus direkt an den Galgen beordert. Solcherart Rache ist seit 1965 in Old Bailey nur noch symbolisch präsent: denn noch immer hat der „rote Richter“ jenes schwarze Tuch, die „black cap“ bei sich, die ihm aufs Haupt gelegt wurde, wenn er ein Todesurteil aussprach.

Court 1: Immer noch sitzen hier die Geschworenen über die schwersten aller Verbrechen zu Gericht – über Mord und Totschlag. In diesen Tagen geht es um eine Spielart, die noch älter ist als Old Baileys Pomp – sie ist so alt wie die Menschheit: der Gattenmord. Stoff für griechische Tragödien und kriminalwissenschaftliche Untersuchungen. Jedes fünfte Mordopfer, so besagt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Internationales Strafrecht, ist ein Ehepartner. Und weiter: In 18 von 20 Fällen tötet der Mann seine Frau. Glücklicher Zufall, daß es nicht mehr sind, mag der meinen, der einmal die zerschundenen Frauen gesehen hat, die die Frauenhäuser füllen. Prügel, Würgen, das Traktieren mit Gegenständen ist, so scheint es, erschreckend normal – so erschreckend normal wie jene Ehegeschichte, die in diesen Tagen in Old Bailey erörtert wird, weil sie in einer grausigen Tat endete, die die Anklage für Mord hält. Schlagzeilen macht der Prozeß nur bei uns, weil der Täter ein hierzulande bekannter Schauspieler ist, ebenso seine Frau: Gunnar Möller, 51 Jahre alt, und Brigitte Rau, 45, 25 Jahre lang verheiratet. Am 24. September vorigen Jahres, gegen acht Uhr abends, erschlug er sie auf der Terrasse ihres gemeinsamen Hauses im Londoner Vorort Hampstead. Seit zehn Jahren lebten sie mit ihren drei Kindern, Florian, 18, Michael, 24, und Hillevi, 15 Jahre alt, in der britischen Hauptstadt.

„Wir führten ein ganz normales Familienleben“, sagt Gunnar Möller aus – so, als sei die Frage danach überflüssig und es das Selbstverständlichste von der Welt. Er trägt eine schwarze Krawatte. Von Normalität, von Glück, Liebe und Freundschaft redet er häufig. In den ersten Jahren ihrer Ehe seien sie glücklich, „extrem glücklich“ gewesen. „Es gab nie ernsthaft Ärger.“ Doch nach 13 Jahren lernte er eine andere Frau kennen: Er wollte plötzlich die Scheidung, hoffte „auf ein neues Leben, eine neue Liebe“.