Von Helmut Schmidt

Eine Liebeserklärung an Bremen fiele mir nicht schwer. Die käme mir von Herzen. Ich habe der Stadt Bremen viel zu verdanken in meinem Leben, insbesondere aus der Zeit vor dem Kriege, als ich in einer Vorstadt – heute ist sie eingemeindet – zwei Jahre als Rekrut gedient habe. Da war Bremen als Stadt, da waren die Freunde, die man dort hatte, da war die Bremer Kunsthalle, auch das Bremer Schauspielhaus. Das waren für mich damals ganz wichtige Orientierungsmarken.

Und schon viel früher – jetzt könnte ich eigentlich eine Liebeserklärung an Worpswede anfügen – war für mich, als 14jähriger, als 15jähriger, Worpswede ein ganz wichtiger Orientierungspunkt. Ich habe damals geglaubt, das sei überhaupt die Spitze der Malerei. Das war sicher ein Irrtum. Aber die Liebe zu den Worpsweder Malern und auch zu Paula Modersohn-Becker hat schon seit früher Jugendzeit für mich eine große, eine orientierende Rolle gespielt. Ich glaube, es ist damals anderen jungen Menschen ähnlich gegangen, in diesen späten 20er, frühen 30er Jahren.

Manche der großen Worpsweder Bilder waren damals schon fast 40 Jahre alt. Gleichwohl hatten wir den Eindruck, sie brächten ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das damals auch unser eigenes Lebensgefühl war. Ich bin kein Kunstkenner, kein Kunstkritiker. Aber vielleicht darf ich sagen, wie ich es damals empfunden habe: Wenn ich es richtig verstand, waren die Worpsweder Suchende – aber zugleich strahlten ihre Bilder Einfachheit aus, Ausgewogenheit, Ruhe, Kraft.

Ich habe dann in der ersten Hälfte der 30er Jahre, bei meinen Besuchen in Fischerhude – und Fischerhude ist der eigentliche Gegenstand meiner Liebeserklärung – die Worpsweder Maler noch etwas besser kennen- und begreifen gelernt. Fischerhude ist ein kleines Dorf, nicht weit von Worpswede entfernt, anderthalb bis zwei Stunden zu Fuß. Dahin hatten sich einige Worpsweder – vor allen anderen Otto Modersohn – schon Jahrzehnte zuvor zurückgezogen. In der Zeit, als ich Fischerhude genauer kennenlernte, ab 1937, war ich ein junger Soldat, Der Wehrsold betrug damals 50 Pfennig. Davon mußte man auch Zahnpasta kaufen und Rasierklingen. So sehr viel war das nicht. Da konnte man also nicht jedes Wochenende nach Hause nach Hamburg fahren. Ich habe die Wochenenden aus diesen finanziellen Gründen aufgeteilt: ein oder zwei Wochenenden in Fischerhude und eins dann zu Hause in Hamburg.

In Fischerhude ist – wenn ich das richtig beurteilen kann – vielleicht etwas von der Tradition fortgesetzt worden, die sich ursprünglich in Worpswede begründet hatte. Die Namen sind genannt worden: Vinnen, Mackensen, Overbeck, Modersohn, Vogeler. Eine Tradition: zu leben, zu arbeiten, fern von den Akademien, in einer durch Moor, durch Heide, durch Felder, durch Wiesen, durch die Hamme – oder in Fischerhude durch die Wümme –, durch Flüsse, durch ein Flußdelta geprägten Landschaft. Weit weg in jenen Jahren vom Nazibetrieb, weit weg vom Großstadtbetrieb. Ein Leben in der Natur, ein Leben im Einfachen, im Ursprünglichen – und gleichwohl doch ein kosmopolitisches Leben. Denn man traf Menschen aus anderen Orten und Ländern, von denen man etwas lernen konnte, die offen und frei sprachen. Für mich ist das ein Stück Heimat gewesen in jenen Jahren.

Otto Modersohn ist bei Wanderungen vor dem Ersten Kriege von Worpswede nach Fischerhude gekommen und ist dort auf einen Kunstprofessor gestoßen, Professor Breling, und der hatte viele Töchter. Eine der Töchter hat er geheiratet. Überhaupt die Brelingschen Töchter: Für mich ist dieser Abend die Gelegenheit, mich bei allen von ihnen, die ich erlebt habe, herzlich zu bedanken. Niemand wird das falsch auffassen, hoffe ich: Sie waren alle eine Generation älter als ich. Ich habe dort viel empfangen. Dort lebten auch andere Maler, da lebten andere Künstler. Damals lebte auch Klara Rilke-Westhoff in Fischerhude.