Von Jürgen Schmidt

Es begann mit den Beatles, damals schon ohne ihren fünften Mann Stuart Sutcliffe. Der war gerade an einem Gehirntumor gestorben.

Eigentlich hatten die Beatles ein neuerliches Gastspiel im Top-Ten-Club an der Hamburger Reeperbahn (Honorar 1961: zweihundert Mark pro Mann und Woche) abgeschlossen. Aber der zehnfache Striplokal- und frischgebackene Star-Club-Besitzer Manfred Weißleder hatte Top-Ten-Chef Peter Eckhorn so lange überboten, bis Beatles-Manager Brian Epstein schließlich weich wurde. Anstatt die’vier Liverpooler Twens mit den damals üblichen Röhrenjeans und den auffallend schwarzen Fingernägeln zur Reeperbahn zu schicken, bugsierte er sie eine Straßenecke weiter in die Große Freiheit 39, wo das ehemalige Stern-Kino gerade zu einem Rock- und-Twist-Palast umgerüstet worden war.

Die Eröffnung fand vor rund eintausendzweihundert Augenzeugen am 13. April 1962 gegen zwanzig Uhr fünfzehn statt, und in exakt dieser Minute war es vorbei mit der Dorfmusik – in Deutschland. So jedenfalls verhieß es das feuerrote Eröffnungsplakat, und so war es wohl auch wirklich. Hamburgs vierter (nach Kaiserkeller, Top-Ten-Club und Indra), aber Deutschlands erfolgreichster Musikladen hatte zu existieren begonnen. Mit dabei: die Beatles John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Schlagzeuger Pete Best, der wenig später; durch Ringo Starr ersetzt wurde.

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Kaum eröffnet, machten schon die ersten Star-Club-Geschichten die Runde: Die Beatles treiben sonntagsmorgens ein Spanferkel, das sie kurz vorher auf Hamburgs berühmten Fischmarkt eingekauft haben, über die Große Freiheit und werden von „tierliebenden“ Passanten prompt bei der Polizei angeschwärzt. Paul McCartney scheucht John Lennon in einem Orang-Utan-Fell in eine Kneipe an der nahegelegenen Talstraße und macht dem Wirt die Gäste abspenstig. George Harrison krabbelt volltrunken auf allen Vieren vom Klub in die schräg gegenüberliegende Musikerunterkunft, eine erbärmliche Absteige über dem Striplokal Kolibri. Die Star-Club-Belegschaft siegt in ihrem ersten Fußballspiel gegen eine Musikerauswahl astronomisch hoch mit 25:3. Und einmal stehen die Beatles nur zu dritt auf der Bühne mit der kitschigen Manhattan-Skyline im Hintergrund. John Lennon hat sich mit einem Mädchen im Klo eingeschlossen und fehlt. Also steigt der damalige Geschäftsführer Horst Fascher auf die Armaturen im danebenliegenden Duschraum, hält die Kaltwasserbrause über die Brüstung und dreht den Hahn voll auf.