Die Berliner Polizeiführung glaubte, ihren Einsatz beenden zu können. Da ging es erst richtig los. Die Alliierte Parade am vorigen Sonnabend, gegen die ein „Internationales Komitee für Abrüstung und Frieden“ gewaltlosen Widerstand angekündigt hatte, war ohne Zwischenfälle vorbeigegangen.

Am Abend kam dann der Überraschungsangriff: Ein gutes Dutzend junger Leute mit bemalten oder maskierten Gesichtern und Schutzhelmen klettert auf das Flachdach des zweigeschossigen Amerika-Hauses in der Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo. Der Trupp hat Leitern gleich mitgebracht. Einmal oben, entrollen die Demonstranten Transparente: „Jeder unserer Toten ist ein Kriegsruf!“, „Solidarität mit den Teheraner Botschaftsbesetzern“, „Solidarität mit der Guerilla“, „Solidarität mit der RAF“, „Eine Welt, ein Feind, ein Kampf“.

Eine amerikanische Fahne geht in Flammen auf. Als eine Stunde später Polizisten versuchen, auf das Dach vorzudringen, fliegen Steine und Molotow-Cocktails. Der erste Angriff wird von den Besetzern des Hauses abgeschlagen. Auf der Straße erschallt der Schlachtruf von 200 Sympathisanten: „Stürmt die Hochburg der Imperialisten“.

Der zweite Angriff der Polizei ist erfolgreich. Die Feuerwehr hält die Leute auf dem Dach mit fünf Wasserstrahlern in Schach, Tränengaswolken wabern, fünf Frauen und neun Männer werden abgeführt. Steine fliegen durch die Luft. Die Hardenbergstraße verwandelt sich zum Schlachtfeld wie zur militantesten Apo-Zeit.

Die Bilanz: 48 Polizisten verletzt, einer liegt mit einer Knöchelabsplitterung noch im Krankenhaus. 22 Anzeigen wurden erstattet, 13 der Festgenommenen sind noch in Haft. Die meisten von ihnen waren der Polizei schon vorher bekannt, sie gehören zum Umfeld der sogenannten „Antifa“-Gruppierungen: locker organisierte Zellen aus der linksradikalen „Sponti“-Szene Berlins. Das Gewaltmuster ist bekannt – Bremen gab Berlin ein Beispiel. Eine Demonstrantin erinnert sich:

„Ich fand es toll, daß die Bullen relativ hilflos waren und daß durch die brennenden Autos und das Chaos auf dem Osterdeich nur so wenig Leute ins Weser-Stadion konnten. Erst als ein Bulle brannte, hat mich das total erschreckt – zu sehen, daß wir Leute schwer verletzen und absichtlich Schmerzen zufügen.“ Wie üblich hatte die Parole „Gewalt gegen Sachen, nicht gegen Menschen“ nichts bewirkt – im Gegenteil:

Bremens Gewalt-Spontis ziehen in Leserbriefen und Artikeln nach der Schlacht vom 6. Mai Bilanz. In ihrem „Vereinsblatt“ Info Nr. 54 bringt einer der 200 Militanten den Krawall um die Rekruten-Vereidigung (307 Verletzte, 27 Festgenommene) auf die brutale Freund-Feind-Formel: „Ich hab die Bullen nicht mehr als Menschen, sondern als Repräsentanten und Beschützer dieses Systems gesehen.“

„Dieses System“ wehrt sich aber nicht nur mit Wasserwerfern und Tränengas; es setzt auf eine zeremonielle Soldatenvereidigung mit Absicht die nächste. Verteidigungsminister Apel („Das könnte denen gerade so passen, daß wir die Bundeswehr in der Kaserne verstecken“) flog im Hubschrauber zum nächsten feierlichen Gelöbnis. Was Bremer Jusos an „wilhelminischen Feldgottesdienst“ gemahnte, empfand Apel als legitime Traditionspflege: Am vorigen Mittwoch nahm der Politiker im ostfriesischen „Kicker-Stadion“ zu Emden bei Fackelschein das Unisono-Versprechen von 400 Rekruten ab, dem Lande treu zu dienen.

Die Bremer Militanten scheuten bis auf wenige die Fahrt in die ostfriesische Provinz. Statt ihrer kamen vor allem friedlich gestimmte Abgesandte der DKP und ihrer Nebenorganisationen – nur 150 Mann: „Zug auseinanderziehen“, lautete das Propaganda-Kommando, mehr Schein als Sein war die Parole. Schäferhunde und Stacheldraht, Bereitschaftskommandos und Sanitätsfahrzeuge: Der Staat hatte sich gerüstet. Die Bundeswehr deklarierte die grüne Spielwiese des Landesligisten „Kickers Emden“ kurzerhand zum „Militärischen Sicherheitsbereich: Unbefugtes Betreten verboten.“ Feldjäger kontrollierten.

Hans Apel vor den skeptisch erwartungsvollen, dem Zivilstand kaum entwachsenen Soldaten: „Erziehung zur Demokratie kann ohne die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den Grundlagen unserer Verteidigung nicht erfolgreich sein. Diese Erziehung muß den Sinn des Dienens deutlich machen.“

„Erziehung“, „Dienen“ – auf der extremen Linken der Bundesrepublik, im marxistischen Milieu der sogenannten „K“ = Kommunismus-Gruppen sind das die alten Stichworte der staatlichen Repression. Der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW), 1973 in Bremen gegründet und an den Mai-Krawallen vor dem Weser-Stadion sichtbar beteiligt, fordert schon lange die „Ersetzung der Polizei und des stehenden Heeres durch die allgemeine Volksbewaffnung, ausgehend von den Kommunen“. Indes – in seinem revolutionären Gusto wird der KBW heute nicht nur in Bremen von anarchisch motivierten, sogenannten „Undogmatischen Linken“ bei weitem übertroffen: Die linksradikale Szene der Bundesrepublik ist im Umbruch.

Gebannt hatten die politischen Polizei-Kommissariate, die Verfassungsschützer von Bund und Ländern, die „beobachtenden Fahnder“ des Bundeskriminalamtes (BKA) das Wohl und Wehe der K-Gruppen, jahrelang verfolgt. Doch nach der Bataille von Bremen kümmert sich Bundesinnenminister Baum: „Viel mehr Sorge macht uns die undogmatische, extreme Linke.“ (Siehe Kasten: „Psychologie des Linksextremismus“, Seit 11).

Hilflos steht der Staat mitsamt seinem hochspezialisierten, polizeilichen „Problemlösungs-Apparat“ vor den sogenannten „spontaneistischen“ Extremisten. Wer sind sie? Es werden mehr – doch ihrer theoretischen Sprachlosigkeit entspricht ihre anonyme Gesichtslosigkeit. Bei passender Gelegenheit schlüpfen die Gewalt-Spontis in die Scheinidentität des modernen, politischen Revolutionärs; denn für sie ist der Staat der „herrschende Terrorist“. In ihrer vielgelesenen Aktionsfibel „Das tapfere Schneiderlein“ (Verfasser unbekannt) heißt es knapp: „Die Aktionen müssen klar, durchsichtig und eindeutig sein: Widerstand gegen die Schweine.“

Anders läuft der Trend für die sogenannten K-Gruppen: Ihre Mitgliederzahl stagniert, ihre analytische Kapazität ebenfalls. Im März löste sich die KPD (nicht zu verwechseln mit der „braven“ DKP) nach einer Geheimsitzung in Gelsenkirchen selbst auf. Vor sieben Jahren hatte die KPD in einer hektischen Anti-Vietnam-„Demo“ das Bonner Rathaus erobert. Nun ist sie, wie Saigons General Thieu, dem damals die feindselige Aktion galt, auf dem „Misthaufen der Geschichte“ (Lenin) gelandet. „Parteichef“ Christian Semler (sein Vater hatte die CSU mitgegründet) bekennt zerknirscht: „Wir haben den sozialdemokratischen Reformismus unterschätzt.“

Von derlei Erfahrungseinbrüchen aus der deutschen politischen Realität hat sich auf der Linken zumal der KBW perfekt abgeschottet: Die 2410 Mitglieder sind vor allem mit sich selbst beschäftigt und mit den Segnungen des Kapitalismus; Kölner Verfassungsschützer kalkulieren, daß der KBW derzeit ein Vermögen von „rund 10 Millionen Mark“ besitzt.

Die Gewalt-Spontis hingegen haben nichts außer einem flugblattfähigen, weil kurzem Gedicht des inhaftierten Peter-Paul Zahl:

Der harte kern er wird ausgespuckt – einer kirsche bei gutem boden zum beispiel – wird ein baum ist immer ungenießbar aus ihm

I. Die ratlosen Gewalt-Spontis

„In Bremen vor dem Weser-Stadion haben wir sie wieder gesehen – die Fahne mit dem schwarzen Stern.“ Hannoveraner Verfassungsschützer fahnden nach den unorganisierten Extremisten des Landes exakt mit derjenigen amtlichen Hilflosigkeit, die von den anarchischen Sponti-Zellen einkalkuliert wurde. Die Organisation der „Spontis“ ist sehr locker, klagt ein Bericht des niedersächsischen Innenministeriums; „dies erschwert ihre Beobachtung“, Eben deshalb.

In Frankfurt beobachtete die Polizei jüngst im Zug der 1.-Mai-Demonstrationen einen sogenannten „schwarzen Block“ – etwa 50 Maskierte in Lederkleidung, ausgerüstet mit Motorradhelmen und Schlagstöcken wie Fabelwesen aus einem Science-fiction-Film. Wer waren sie? Ein vorpolitischer Machismo-Trupp auf der Suche nach action im Polizeigetümmel oder nur theatralische Komparsen eines linken Kneipen-Nihilismus?

  • In Hamburg zählen Kenner nicht mehr als 100 „Mitglieder“ zur „autonomen anarchistischen Szene“. Wesentlich „unbedenklicher“ als die K-Grüppler (so ein Verfassungsschützer) „nehmen diese Leute eine Gelegenheit wahr, um mal draufzuhauen“. Sie wohnen im Vergnügungs- und Prostituiertenviertel St. Pauli, in Arbeitervierteln wie Eimsbüttel und Altona – fast alle sind jugendliche Randfiguren des „alternativen“, friedlichen Lebenszusammenhangs. Sie haben am wenigsten zu verlieren: weder feste theoretische Prinzipien (sie kennen keine) noch bürgerliches Eigentum (sie wollen keines). Doch eine reale Gefahr für die Gesellschaft gehe von ihnen nicht aus, befindet ein Hamburger Verfassungsschützer – und stellt im selben Atemzug die bittere These auf: „Die Herrschenden schaffen sich doch selber ab; das war schon immer so in der Geschichte“.
  • In Berlin, neben Frankfurt einst die Hochburg des theoretisch versierten Marxismus der außerparlamentarischen Opposition, halten höchstens 300 militante, „spontane Aktionisten“ die Fahne der imaginären Revolution hoch – bis zum letzten Sonnabend nur rhetorisch, in den gemütlichen Kneipen der Alternativ-Weit im Türkenviertel Kreuzberg. „In diesem unseren Staat“ (Helmut Kohl), der nicht der ihrige ist, sind sie gleichsam nur zu Besuch: Auf ein Bier mit Bakunin im Kopf. Ihr „Angriff“ auf das Amerika-Haus war ein anachronistischer Gewalt-Ausflug – die RAF-Reminiszenz einer tatsächlich radikalen Minderheit.

Was Woodstock für die Pop-Kultur, ist im übrigen Berlins fabelhafter Tunix-Kongreß von 1978 für die Szene: Ein schöner Traum, da mehr als 5000 Jugendliche planten, aus der Realität des „Spätkapitalismus“ in eine bessere Welt „irgendwie“ auszuflippen. Die „ssiehn“ mitsamt ihrer euphorischen Stimmung, ihrer Nestwärme und ihren wohlverdienenden Geschäftsführern hat sie längst wieder.

  • In Bremen hingegen gelang es den Action-Spontis offensichtlich, den Staat auszutricksen. Sie stellten sich an die Spitze einer „Demo“, die vom KBW, von linken Unigruppen und Kernkraftgegnern auf den Weg gebracht wurde. Sozial-, Sport- und Jugendsenator Scherf traf bei Abwiegelungsversuchen vor dem Weser-Stadion gar der Knüppel eines Politrockers. Zu seinem „Erstaunen“, ließ Scherf später mitteilen, „gab es keine Diskussionsbereitschaft bei den Demonstranten“. Mehr als 200 Schläger unter den 4000 Marschierern verzichteten eben auf die wortreichen Apo-Rituale der 60er Jahre. Statt „Hinterfragung“ – Hinterlist: Ein „Krankenwagen“ des Parka- und Latzhosen-Bataillons diente in Wirklichkeit als mobile Waffenkammer – Molotow-Cocktails, Farbeier, Eisenstangen; irgend jemand hatte vorgesorgt. Die Aktion, und ihre gesichtslose Gewalttätigkeit überraschten in Bremen zwar einige Parteipolitiker und die deutsche Öffentlichkeit; Kenner des Milieus hatten, wie ein Brandbrief des Generalinspekteurs der Bundeswehr beweist, die Ausbrüche vorausgesagt. Denn in der Hansestadt residiert eine lautstarke Truppe anonymer Gewalt-Spontis. „Bullen sind Maschinen, macht sie kaputt“, fordert ein Graffitti in „ihrem“ Viertel, in Bremen-Ostertor.

Hans Koschnick, Bürgermeister der Stadt und Sozialdemokrat, will freilich diese Spontis aus allen politischen Traditionen aussortieren: „Es gibt hier Leute, die ich noch nicht einmal als Anarchisten bezeichnen möchte, weil das eine Beleidigung für wirkliche Anarchisten wäre.“ Zweifellos hat der Politiker nur herumreisende Vortrags-Anarchisten der neueren Podiumsdiskussions-Kultur im Sinn. In einem hektographierten „Handbuch zur Selbsthilfe“, das im Sommer 1979 in Norddeutschland auftauchte, knüpft der anonyme Verfasser allerdings an die explosivere, nicht minder authentische Anarcho-Tradition Europas an: Rezepte für Rohrbomben, praktische Hinweise für Saboteure („Sägen bringt Segen“) machen deutlich, daß hier nicht linke Narren, sondern offensichtlich waghalsige Propagandisten der Tat agieren. Ihr unmittelbares Kampfziel – die 380 000 Volt-Überlandleitungen des Kernkraftwerks Esenshamm an der Weser. Dem Leser wird Mut und Schwindelfreiheit empfohlen.

Die „Ernsthaftigkeit“ der Bremer Gewalt-Spontis kann nach dem 6. Mai auch nicht mehr bezweifelt werden. Noch bewegen sich die Bremer Militanten „in der Legalität“; doch sie reden bereits davon, daß es „zwingend notwendig“ sei, in den Untergrund „abzutauchen“ – Pässe zu fälschen und Waffen zu beschaffen für den Kampf gegen „Atomkraftwerke und den militaristischen Imperialismus“.

Eine Gruppe ohne Schatten

Ihr Name ist Bug – eine Abkürzung für „Bremer undogmatische Gruppen“.

Die meisten Swg-Mitglieder leben in WGs, das heißt Wohngemeinschaften, im heruntergekommenen Sanierungsgebiet Ostertor, einem Stadtteil in Citynähe. Hausbesetzungen zählen zum Bug-Repertoire – und ebenso die unvermeidliche Konfrontation mit der Polizei. Die Bugs haben aus der Geschichte der „herumschweifenden Haschrebellen“ (Berlin) und der „Stadtindianer-Mescaleros“ (Göttingen) diejenige Portion Albernheit übernommen, von der manche meinen, sie illustriere wenigstens eine gewisse unideologische Souveränität. So nennen, sich die Bugs in ihrem unregelmäßig erscheinenden „Info“-Blatt heiter „Bremer unlöschbare Gruppen“ oder auch „Bremer unpolitische Rotznasen“. Verspätet überfällt sogar einen Bug-Anonymus ein moralischer Zweifel; im jüngsten Gruppenorgan: „Man hätte ja mit den Steinen vor dem Weser-Stadion jemand schwer verletzten, wenn nicht sogar töten können“. (In der Tat: Der zweite Tote der Apo-Generation – nach Benno Ohnesorg – war ein Photograph der Bild-Zeitung, der in Münchens Barerstraße während der Oster-Unruhen 1968 von einem Pflasterstein tödlich getroffen wurde.)

Die Bugs informieren sich neuerdings auch über einen Piratensender („Radio Zebra“), der zweimal monatlich eine Viertelstunde lang sendet. Artikel für das Bug-Info gibt der informierte Autor am besten im Buchladen am Bremer Sielwall Nummer 7 ab. Man weiß Bescheid.

Lehrlinge, Schüler, Studenten, Arbeitslose – sogar zwei Kinder durften vor dem Weser-Stadion mit Knüppeln in den solidarischen kleinen Fäusten mitmischen: Bug ist soziologisch und ideologisch amorph, eine Gruppe ohne Schatten – ein romantischer Traum für manche der professoralen Altvorderen aus der Apo-Generation an Bremens Uni.

Die wenigen, immer ungezeichneten Dokumente, die Auskunft über die Gemütslage der Gewalt-Spontis geben, zeigen indes, wie schnell sich wehleidige Staatsverdrossenheit in Angst und Paranoia verwandeln kann.

Paranoia „Es ist uns klar“, heißt es im „Tapferen Schneiderlein“, dem „Organ der Unverbesserlichen“, daß die Herrschenden „ausflippen können und zum Beispiel Neutronenbomben gegen revolutionäre Zentren einsetzen. Zuzutrauen wäre es ihnen.“

Angst: „Wir werden täglich kaputtgemacht, wir werden, dressiert für die totale Leere. Und wenn wir mit 70 vor dem Tod stehen, können wir nicht sagen, daß wir wirklich gelebt haben.“

Angelesene Verzweiflung?

Die soziologisch bewährte Formel von der gesellschaftlichen, „strukturellen Gewalt“ (Galtung) dient hier der Rechtfertigung von Gegengewalt; wenn der Staat seine Bürger „kolonisiert“ und auflöse in „plastic people, geladen bis zum Zerbersten mit Furcht und Aggression“ – dann wird es eben Zeit zur revolutionären Kaderbildung, zur Sponti-Kleinorganisation: „In der Zelle ist das Durchhängen von einzelnen leichter aufzufangen.“ In dieser Traumwelt beginnt die bewaffnete Bewegung zur „neuen Gesellschaft“ mit ganz kleinen Schritten: „Reifen von Schweinen durchstechen, Telephonterror, Sprühen, Aufkleber.“

Wieviel von solcher Verzweiflung „angelesen“ und wieviel echte Erfahrung ist, steht dahin. Immerhin weist die kritische Soziologie seit geraumer Zeit auf die „selbstnegatorischen Tendenzen“ des „ausdifferenzierten“, perfektionierten industriellen Verwaltungsstaates hin: Individuelles politisches Handeln werde obsolet in einer rational durchorganisierten Gesellschaft. Die Parteien verlieren Einzelinteressen aus den Augen. Die Folgen: Antibürokratische Gereiztheit der Bürger, Unzufriedenheit, Staatsverdrossenheit, Identitätskrisen und politische Loyalitätsaufkündigungen. Freilich: Die Angst- und Aggressionszustände des modernen Menschen wurden so schon von Nietzsche erlebt, analysiert und – besser beschrieben. Zu seinen prominenten Zeitgenossen zählten – die Anarchisten.

II. Die deutschen K-Gruppen: Eher tot als rot

Sozialistische Dialektik – auf der „1. Sozialistischen Konferenz“ am Anfang des Monats in der Kasseler Gesamthochschule reagierte der Soziologe Claus Offe, Professor in Bielefeld und Habermas-Schüler, auf die Geschichte gescheiterter marxistischer Parteigründungen in Deutschland: Er machte sich für eine neue Partei stark. „Die. parteiförmige Vereinheitlichung der organisatorisch diffusen linken Bewegungen in der Bundesrepublik könnte helfen, gewisse zentrifugale Tendenzen, gewisse Irrationalismen, Privatisierungs- und Auswanderungstendenzen unter Kontrolle zu bringen.“ Könnte.

In Kassel sah man aber auch Christian Semler, den der siebenjährige Parteikampf um das Bewußtsein der uninteressierten deutschen „Arbeiterklasse“ sichtbar genervt hatte. Vis-à-vis der organisatorischen Trümmer seiner Gründung, der KPD (ehemals: KPD/AO), schrieb er in einer der letzten Ausgaben des Parteiorgans „Rote Fahne“ (Uni-Jargon: „Tote Fahne“): „Heute, wo sich nur einige hundert Genossen zur KPD bekennen, liegt deutlich auf der Hand, daß uns die Gebilde unseres Kopfes über den Kopf gewachsen sind.“ Solche „überraschenden Töne aus der Randzone linksdogmatischer Sektenformationen“ (Neue Zürcher Zeitung) sind allerdings nicht typisch: Theoretische Selbstzweifel unter den verbliebenen „K-Gruppen“ der Bundesrepublik – KBW, KPD/ML und Kommunistischer Bund (KB) scheinen vielmehr unbekannt.

Ökologie und Feminismus richteten sich in der Bundesrepublik ohne die Geburtshilfe der kommunistischen Avantgarde ein: die radikalen „K“-Gruppen zeigen sich aber ob ihrer theoretischen „Rückständigkeit“ ungerührt. Mögen auch die Mitglieder davonlaufen (zum Teil in die Anarcho-Szene) – der Rest rückt um so fester zusammen. Einzig der KBW konnte seine Mitgliederzahl halten.

Das Ende der zehnjährigen „neomarxistischen Zwischenkonjunktur“ – (Berlins Wissenschaftssenator Peter Glotz) trifft in erster Linie die akademischen Verbraucher der Kursbuch- und Suhrkamp-Kultur. Die seismographische Unempfindlichkeit zumal des KBW – 2410 Mitglieder – für intellektuelle Novitäten und politische Prozesse hingegen ist verblüffend. Die Grünen galten dem KBW zwar als mögliche Massenbasis – aber die „proletarische Avantgarde“ parlierte mit den Öko-Freunden im Jargon des 19. Jahrhunderts. Sie wurde auf dem Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe abgeschmettert. Dabei experimentiert der KBW mit einem eigenen Öko-Programm: Mit einem Mitgliederbeitrag von 450 Mark meldete der Polit-Verein seinen einzigen Bauern, Ernst Metzger-Petersen, in dem deutschen Bauernverband des Constantin Freiherr von Heereman an.

Auf der 1. Sozialistischen Konferenz in Kassel stellte sich auch ein unbekanntes KBW-Mitglied der allgemeinen Katzenjammer-Diskussion furchtlos. Noch einmal propagierte er die historischen Versprechungen der progressiven Gewalt. „Genosse, du bist das lebende Beispiel dafür, daß wir zehn Jahre lang alles falsch gemacht haben“, wurde er abgekanzelt.

„Wo gehobelt wird...“

Der Mann machte nicht nur Worte, In Bremen wurden unter den festgenommenen Stadiondemonstranten der ersten Linie auch fünf KBWler mit Hilfe des BKA-Fahndungssystems „Nadis“ identifiziert. Das KBW-Kampforgan des Bremer Unterweser-Bezirks hatte die Parteimitglieder geschreckt und motiviert: „Sozialdemokratische ‚Entspannungspolitiker‘ vom Schlage Bahr und Koschnick machen für den Krieg mobil.“ Genauso hätte es auch in einem neonazistischen Blatt stehen können.

Die Kriegsparanoia des KBW bildet eine breite Gefühlsbrücke zur diffusen Szene der Gewalt-Spontis. In stets ähnlichen Phrasen hat der KBW sein stereotypes Bekenntnis zur revolutionären Gewalt vorgetragen:

Der KBW „kämpft mit allen Mitteln, die der Arbeiterklasse nützen und der kapitalistischen Klasse schaden. Die kapitalistische Ausbeuterklasse stützt sich auf Gewalt und Waffen. Solang dies so ist, wird die Arbeiterklasse diese Ausbeuterordnung nicht anders als mit Gewalt und Waffen stürzen können.“

Ein ehemaliger KBW-Funktionär erinnert sich an die Zeit, da die RAF der Baader und Meinhof Guerilla spielte: „Daß da Polizisten und Richter abgeknallt Wurden, das hielten wir für in Ordnung. Die Position war: Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne, das ist wörtlich so gesagt worden.“ Auf die Schlacht um das Atomkraftwerk Grohnde am Weserufer im März 1977 (330 Verletzte) hatten sich Kämpfer in einem Trainingslager vorbereitet: Die Genossen rückten mit Bolzenschneidern, Wurfankern, Spaten und Sägen, unter Helmen und Gasmasken an.

Als der KBW vor sieben Jahren, am 12. Juni 1973, aus Resttruppen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gegründet wurde, war sein Cheftheoretiker „Joscha“ Schmierer einer der ersten, der die Rolle des „Studenten als revolutionäres Subjekt“ (eine halbtheoretische Errungenschaft, der Apo-Diskussion) aufgab. Das Proletariat – wo immer es auch sein mochte – wurde wieder in seine angestammten ideologischen Rechte eingesetzt: Die „Diktatur des Proletariats“ sollte einmal mehr den Weg in die bessere Zukunft ebnen. Der KBW sah sich selbst als „Abteilung der Weltarmee des Proletariats“.

Das Hauptkontingent wurde nicht in Breschnjews Sowjetunion, sondern in Maos China vermutet. Als Mao starb, galt es ideologische Direktiven für die nun ungewisse Zukunft der deutschen Revolution einzuholen. Im Juni 1977 empfing. das ZK-Mitglied und Vorsitzender der Abteilung für internationale Beziehungen der Kommunistischen Partei Chinas, Li Yi-meng, eine KBW-Delegation in Peking. Franz Josef Strauß war schon zwei Jahre vor ihr dagewesen,

Während das angepaßte Konkurrenzunternehmen DKP (KBW-Slogan: „eine Frucht des Verrats“) mit 50 Millionen Mark allein im letzten Jahr von der DDR (KBW-Parole: „revisionistische Entartung“) subventioniert wurde, kämpft der KBW in erster Linie um das Geld seiner Mitglieder – auch mit großem Erfolg.

Der KBW ist unter anderem ein florierendes Wirtschaftsunternehmen. Seine Kühl KG – das ZK stellt zwölf Kommanditisten – kaufte im Frühjahr 1977 ein sechsstöckiges ehemaliges Verlagsgebäude in Frankfurts Mainzer Landstraße Nr. 147. Kaufpreis, Maklergebühr und Steuern inklusive: 3,2 Millionen Mark.

Der Reichtum der Gewissen

Immobilien in Berlin, Bremen und Hamburg, Bausparverträge, Bankguthaben, Lebensversicherungen, Grundbesitz – diese Partei hat einen großen Magen. Zwar erreichte sie bei der letzten Bundestagswahl nur 20 018 Zweitstimmen im ganzen Land – aber die Funktionärselite liebt den Auftritt im Stile von Volkspartei-Führern: Man fährt Saab; insgesamt hat sich der Funktionärs-Clan 52 dieser gediegenen Automobile des gehobenen Mittelstandes (Neupreis bis zu 23 000 Mark) geleistet. Über den Bauernhof des Genossen Ernst Metzger-Petersen in Oster-Orstedt bei Husum ackert ein Unimog des KBW (100 000 Mark). „Eigentum“ ist für die Marxisten des KBW nur noch ein bürgerliches Vorurteil:

„Durch unsere Kampfmethode ist auch der Zeitpunkt festgelegt, an welchem der Besitz, der einige Genossen noch mit ihrer Herkunft aus der Bourgeoisie verbindet, in Eigentum der Organisation und der Arbeiterklasse verwandelt werden muß. Die Beseitigung von Erbschaften und dementsprechend die Verwandlung von Erben in gewöhnliche Lohnabhängige ist dann ein unumgängliches Erfordernis, wenn diese Erben Mitglieder des KBW sind.“

Die oft vermutete Ursache für den plötzlichen Reichtum der Genossen von Frankfurt – Überweisungen aus China – wird von staatlichen Milieubeobachtern zurückgewiesen. Mehr noch: „Der KBW kennt keine Gehirnwäsche“ (so ein Verfassungsschützer in Köln); es gehe alles, freiwillig zu – die Opfer- und Zahlungsbereitschaft der treuen Mitglieder scheint grenzenlos. Das ist der Preis, den KBW-Genossen dafür zahlen, daß die Führung stellvertretend für die Basis denkt: Ideologische Nestwärme läßt auch noch größere Geld- und Freizeitopfer zeitweilig verschmerzen.

Ein ehemaliges Mitglied schreibt in der Rotbuch-Broschüre „Wir warn die stärkste der Partein“: „Da sich der einzelne in der Organisation nicht zur Wehr setzen kann, bleibt nur noch die Alternative: einzutauchen in den Nebel polischer Umnachtung und totaler Realitätsblindheit, also strammes Mitglied der Organisation zu werden – oder sich auszuklinken.“

Wer drin blieb, mußte die Sprache der Partei verinnerlichen. „Den Sprachstil dieser zentralen (KBW-)Publikationen“, erinnert sich ein Renegat, „nahm sich der überwiegende Teil der Genossen zum Vorbild.“ Ein Mitglied des ZK führte die Sprechblase „und das ist gut und nicht schlecht“ ein. „Das nichtssagende Sätzlein machte schnell die Runde. Viele Genossen benutzten die Redewendung mit tiefem Ernst, bis sie durch eine neue Sprachschöpfung eines ZK-Mitglieds abgelöst wurde.“ Und das war gut und nicht schlecht.

Nur noch ein Drittel der hingebungsvollen Parteimitglieder sind Akademiker und Gymnasiasten. Nachwuchs stößt zu der radikalen Formation durch Werbung in der Familie und bei Freunden oder zum Beispiel über „Jugendzentren“ in freier (meist staatlich subventionierter) Trägerschaft vor – oder er wird angezogen und überzeugt durch die opferbereite Arbeit von KBW-Ärzten und -Rechtsanwälten. Das Rekrutierungsmuster scheint stets dasselbe: Frustrierten, unglücklichen und geängstigten Zeitgenossen offeriert die Partei Trost und universalen Lebenssinn. Und ein Arbeiter, der zum KBW stieß, fand es schön, daß es „klare Linien und Schulungsgruppen und weiß der Geier was alles gab. Ob ich denn bereit sei, organisiert zu werden? Na klar!“

Noch immer ist die Organisation des KBW total. Ein Ex-Mitglied führte in dem Rotbuch „Wir waren die stärkste der Parteien“ über sein verplantes Leben Buch:

An der Uni: 1mal wöchentlich als 4–5 Stunden Grundeinheitsplenum, dazu die Zeit der Vor- und Nachbereitung (Texte, Zeitung lesen, Protokoll), lmal wöchentlich 2- bis 3stündige Schulung. Zusätzlich eine Unzahl von Sonderterminen... Tagesdienste: in der Uni Büchertisch machen beziehungsweise Anwesenheit im Raum der Organisation zwecks Entgegennahme von Flugblättern und neuer Direktiven, Ausführen technischer Arbeiten (wöchentlich 1mal 10–14 Uhr) Zeitungsverkauf, Flugblätter im Institut und vor der Mensa verkaufen beziehungsweise verteilen. Übernahme einer speziellen Funktion: „info“-Herstellung, „Botendienst“, Druckereidienst. Im Stadtteil: 1mal pro Woche einen Nachmittag lang Zeitungsverkauf. Flugblattverteilen, Plakate kleben; Sitzung mit der zuständigen Stadtteilzelle.

Vor dem Betrieb: Zeitungsverkauf, mindestens lmal die Woche, morgens 2–3 Stunden; abends oder darauffolgenden tags: Sitzung mit der „Zelle“, zusätzlich Verteilen von Flugblättern in unregelmäßigen Abständen, Ortsgruppe: Bürodienst, d. h. einen halben Tag im Büro der Ortsgruppe, sämtliche anfallenden Tätigkeiten erledigen; Nachtdienst, d. h. von 18.00 bis 5.00 das gleiche: Tippen der Mitgliederbriefe: drucken, legen, zusammenheften. Aufräumen etc. 14täglich.

Die meisten KBW-Mitglieder wohnen in den „Metropolen“: in Berlin 170 Mitglieder, in Hamburg 180, in Bremen mehr als 100, in Frankfurt 100 (abnehmend), in München 140. Neben ihrer „Demo“-Geschichte machen Horror-Stories über KBW-Interna die Runde unter Verfassungsschützern. So soll in Berlin ein Mitglied zur Abtreibung überredet worden sein, „weil die Partei dich jetzt braucht“. Studienplatz- und Wohnplatzwechsel im Dienste der „Sache“ seien an der Tagesordnung. In München arbeitet eine hohe KBW-Funktionärin mit Studienabschluß am industriellen Fließband: Die Partei will es so.

Eine Untersuchung von Infratest zum Linksextremismus in der Bundesrepublik charakterisiert die Mitglieder der K-Gruppen: „Eine rigide und ideologische Sichtweise der gesellschaftlichen Wirklichkeit herrscht vor. Das Persönlichkeitsbild ist häufig bestimmt von einem starken Verdrängungsprozeß individueller Impulse. Eine ‚puritanische‘ Lebensphilosohie mit asketischen Zügen ist oft charakteristisch. Die Überidentifikation mit der Arbeiterklasse steht im Zusammenhang mit der vorherrschenden Tendenz zur Rationalisierung elementarer Verdrängungen“ (siehe auch Kasten links).

Was immer das heißt – bei den „traditionellen Kommunisten“ (zumeist der Deutschen Kommunistischen Partei) ist alles ganz anders. Infratest: „Die orthodoxe kommunistische Ideologie, der diese Gesprächspartner anhängen, wird oberflächlich meist verdeckt von einer pragmatischtaktischen Argumentationsweise.“ Die gesellschaftlichen und ökonomischen Modelle der Sowjetunion und der DDR gelten in der DKP als Leitbilder. „Weniger deutlich als bei den ‚Maoisten‘ ist die narzißtische Idenfikation mit der eigenen Gruppe.“

Besonders fiel den Psycho-Forschern auf, wie freundlich doch die DKP-Genossen dem Fortschritt der Technologie gegenüberstehen. In der Tat: In Gorleben trifft man keine bekannten DKP-Biedermänner.

Ihr „Unterwanderungswerk“, so behaupten zum Beispiel norddeutsche Verfassungsschützer, gilt viel eher dem parteigebundenen politischen Establishment: „Die Stichworte der orthodoxen DKP werden doch bis in die Reihen der Jungdemokraten hin aufgegriffen.“ Die DKP, so errechnen besorgte Beamte der Innenbehörden der Länder, verfügt „über ein dreifaches Potential von dem, was alle Links- und Rechtsextremisten vorweisen können.“

Indes: Die Linksextremismus-Forscher von Infratest trafen unter den Traditions- und Reform-Kommunisten niemanden, der von den Bürgerschreckexperimenten der K-Gruppen, von Wohngemeinschaften, Bauplatzbesetzung, Landkommunen und Gewalt-„Demos“ beeindruckt gewesen wäre. Die mögliche „klammheimliche“ Freude der Parteigenossen versteckt sich vielmehr hinter einer unkritischen Konsumhaltung, mit der 40 000 DKP-Mitglieder die täglichen Kompromisse des ideologischen Real-Sozialismus still hinnehmen.

Gorleben, Weser-Stadion, Brokdorf oder Grohnde – für die „lieben Genossen“ des DKP-Blattes „UZ“ („Unsere Zeit“) sind das vorerst die Tummelplätze einer fehlgeleiteten Jugend. Wohlwollen haben die Gewalt-Spontis von der DKP nicht zu erwarten.

Bremen und Berlin war nur eine Station der radikalen deutschen Linken auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft. Andere Stationen werden folgen. Was aber gleich bleibt, ist das deutsche Milieu, in dem sie sich tummeln: „Haut doch mal drauf!“, forderten einige Passanten zu Emden die Polizisten auf, die einen verlorenen Trupp angereister Demonstranten beobachteten. „Haut doch mal drauf!“ Hat „dieses unser Land“ die Radikalen, die es verdient? •