Kiel/Flensburg

Wenige Tage bevor Schleswig-Holsteins Innenminister der 27jährigen Tamara Tschikowani vor dem Lüneburger Oberverwaltungsgericht endgültig den Prozeß zu machen gedachte, obsiegte die junge staatenlose Frau im zähen Ringen um ihre Einbürgerung gegen die christdemokratischen Landesherren.

Tamara Tschikowani ist nun deutsche Staatsbürgerin. Gegen den Willen des ehemaligen Innenministers Rudolf Titzck und seines jetzigen Amtsnachfolgers Uwe Barschel und mit dem Segen aus Bonn.

Per Brief kam ihr die gute Nachricht dieser Tage ins Haus. Darin teilte der Innenminister des Landes der „sehr geehrten Frau Tschikowani“ mit, „daß ich Ihre Einbürgerungsurkunde an den Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg zur Aushändigung an Sie übersandt habe, nachdem der Bundesinnenminister heute mitgeteilt hat, daß er seine Zustimmung zur Einbürgerung nicht mehr für erforderlich halte“. Mit anderen Worten: In Bonn hatte man kein Interesse, die skurrile Kampagne gegen Tamara Tschikowani mitzumachen, die nur deshalb staatenlos war, weil sie vier Tage zu früh auf die Welt gekommen ist.

Seit dem 20. Dezember 1974 gibt es ein Gesetz, nach dem nicht nur eheliche Kinder deutscher Väter, sondern auch deutscher Mütter, wenn der andere Elternteil heimatloser Ausländer ist, durch eine einfache Willenserklärung die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen können. Einzige Voraussetzung: Sie müssen nach dem 1. April 1953 geboren sein. Tamara Tschikowani kam am 28. März 1953 in Flensburg zur Welt. Das ist Pech. Doch empfiehlt das Bundesverwaltungsgericht „großzügige Handhabung von Einbürgerungsanträgen“, um Heimatlosigkeit zu vermeiden.

Schleswig-Holsteins Innenminister wollte nicht großzügig sein. Nun muß er. Tamara Tschikowani: „Die tun so, als hätte es am Bundesinnenminister gelegen. Ich finde den Brief dreist. Nach siebeneinhalb Jahren Prozessiererei viereinhalb lapidare Zeilen.“ Man könnte diese offzielle Nachricht aus Kiel an die neue deutsche Staatsbürgerin auch kleinlaut nennen.

Sie hatte das Schreiben ein paarmal lesen müssen, bevor sie den Inhalt begriff, denn immerhin wollte der Innenminister ursprünglich noch an diesem Donnerstag gegen sie vor das Lüneburger Oberverwaltungsgericht ziehen. 22 Zeugen waren von der Landesbehörde dem Gericht genannt worden. Sie alle hatten beweisen sollen, was Kiels ehemaliger Innenminister Titzck seit nun über sieben Jahren hartnäckig argwöhnt. Er sah in Tamara Tschikowani eine Verfassungsfeindin, glaubte sie als Mitglied des Kommunistischen Bundes entlarvt zu haben. Die von ihm aufgebotenen Zeugen sollten dies beweisen. Sie nämlich hatten Tamara Tschikowani bei KB-Veranstaltungen gesehen. Dort hatte sie – übrigens wie die Zeugen auch – im Publikum gesessen.