Wir hatten kein ’68. Wir hatten keine Studentenrevolten, und wir haben auch keine Bürgerinitiativen in dem Sinne. Bei uns ist alles leiser, mehr nach innen. Ich habe den Eindruck, daß die Leute auch trauriger sind.

Bettina Wegner, Liedermacherin aus der DDR

Kunst-Klau

Ruhm und Geld verleihen ihren schwer belasteten Trägern eine Eigenschaft: Sie wollen mehr Ruhm und Geld. In der Kunstszene reißen zum Erwerb beider begehrter Artikel neuerdings, gelinde gesagt, sonderbare Praktiken ein: Erfolgreiche Künstler umgehen die Lästigkeit, selber tätig zu werden, und benutzen das Produkt anderer; gerade noch unterziehen sie sich der Mühsal des Signierens. Verkauft wird der Marktwert „Unterschrift“. Erst kürzlich erfuhr man, wie Vasarely Bilder als „echte Vasarelys“ verkauft, die seine Hand vor der Unterschrift nie berührte. Jetzt hat der oft und grün die Demokratie besingende Joseph Beuys eine Photographie der renommierten Photographin Digne Meller Marcovicz zu einem Siebdruck verarbeiten und eine Auflage von 140 Stück über die Kölner Galerie Klein für 100 Mark, pro Stück vertreiben lassen. Schon vergriffen. Photo und Siebdruck sind vollkommen identisch – nur, daß Beuys jedes Exemplar seines Raubdrucks handschriftlich numeriert, signiert und mit einer Widmung „Für Blinky“ versehen hat (Blinky ist der auf dem Photo mit Beuys abgebildete, jüngst verstorbene Maler Palermo). Im Zuge dieser anstrengenden künstlerischen Betätigung hat der große Meister verständlicherweise eines vergessen: die Photographin von dieser „Edition“ überhaupt zu verständigen, zu schweigen vom Einholen einer Genehmigung. Vasarely, der Dekorateur so mancher Bankschalterhallten, angesprochen auf seine merkwürdigen Produktionsmethoden, sprach von Cranach und seiner Werkstatt. Beuys wird den Filzhut wohl nun vor Rubens lüften.

Walther Schmieding

Solche Ehre hat noch – und wird so bald kein Kultur-Journalist in Deutschland erfahren: auf der ersten Seite der auflagestarken Boulevard-Zeitungen, mit Bild, geehrt. Leider: auch Walther Schmieding mußte dazu erst tot sein. Spätestens jetzt, da dieser schwere Mann, der so leicht formulieren konnte, nicht mehr schreibt oder den Bildschirm füllt, wird jedem bewußt, der sich (öffentlich) mit Kunst und Kultur in diesem Land beschäftigt, was dieser 1928 im schlesischen Beuthen geborene Schriftsteller und Fernseh-Journalist für das geistige Leben der Bundesrepublik bedeutet hat. Der Mann, der jahrelang Feuilleton-Redakteur an Zeitungen im Rhein-Ruhr-Gebiet war, hat 1963 beim ZDF das erste Kulturmagazin für Fernseher geschaffen: „Aspekte“. Mit gleichem Witz und – Ernst, mit demselben Respekt vor dem künstlerischen Gegenstand, dem Autor und – dem Zuschauer/Zuhörer wurden und werden selten Sendungen gemacht. Schmidding hat sich den Zuschauern nie angebiedert, die Künstler, mit deren Werken er es zu tun hatte, aber auch nie verraten. Und war – trotzdem! – witzig! So, ein paar Daten für seine Kennkarte notierend, beginnt man schon zu zweifeln, daß es in dieser Branche des Journalismus, dem Feuilleton, wo Eitelkeit oder zynische Herablassung zu herrschen scheinen, einen Kollegen gegeben hat, der Leidenschaft und Humor, Witz und Zorn miteinander verbinden konnte, Er war, von 1968 bis 1973, auch Intendant der Berliner Festspiele, war Autor auch von Filmen über wichtige Theaterleute. Am 16. Mai ist Walther Schmieding gestorben, an Krebs in der Speiseröhre, 51 Jahre alt.

Brülle, China!

Erst sollten tausend Blumen blühen, dann köpfte man sie mit der Sichel der Kulturrevolution, und nun werden die Blumen importiert: China ist neuerdings das Land, das offensichtlich intensive Kulturkontakte mit der Bundesrepublik sucht und fördert. Nach der großen Buchausstellung. vor einem Jahr, die durch mehrere chinesische Städte wanderte (ZEIT Nr. 25/1979), wurde jetzt als erster Theoretiker (und in DDR-Augen wohl „Revisionist“) Hans Mayer als Gast der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und der Universitäten Peking, Shanghai und Nanking zu Vorlesungen über deutsche Literatur und Literaturwissenschaft eingeladen. Noch vor ihm reist in dieser Woche die erste westdeutsche Schriftsteller-Delegation nach China, zu der unter anderen Hans Magnus Enzensberger, Oskar Negt, Helga M. Novak und Jürgen Theobaldy gehören. Allen zuvor kam natürlich Günter Grass, dessen Besuch in China gemeinsam mit Volker Schlöndorff bereits seinen Niederschlag in dem jetzt erscheinenden Buch „Kopfgeburten“ fand.