Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Mai

Als die ersten Nachrichten von dem Unglück in der Stadt die Runde machten, sagte ein Rundfunkmoderator im Mittagsmagazin: „Um es noch einmal ganz klar zu machen: Es handelt sich um die Kongreßhalle im Tiergarten, nicht um das neu erbaute Internationale Congress Centrum – das steht noch.“ Trotzdem wollten viele Berliner kaum glauben, daß die Vorderfront der Kongreßhalle zusammengebrochen war. Ein Manager, der zehn Minuten vor Einsturz von der Kongreßhalle in sein Büro gefahren war, sagte ungläubig: „Das kann nicht sein, ich war doch eben noch da.“ Ein Kaufmann erinnerte sich, seinen Wagen genau vierundzwanzig Stunden vor dem Unglück dort geparkt zu haben, wo jetzt ein halbes Dutzend Autos plattgedrückt unter Trümmern lagen.

Fast jeder Berliner ist auf ähnliche Weise betroffen – es hätte auch ihn treffen können. Die Kongreßhalle war kein exklusives Bauwerk, sondern ein Gebäude, mit dem die Berliner lebten. Nicht nur Kongresse und Tagungen fanden dort statt, sondern auch Vorträge, Vereinstreffen, kleine Ausstellungen und Sammlerbörsen, und in dem Restaurant zum Spree-Ufer hin trafen sich die Spaziergänger zum Nachmittagskaffee. Die Kongreßhalle war intimer, übersichtlicher und nicht so anonym wie das neue Internationale Congress Centrum (ICC). Auch nach der Eröffnung des ICC vor einem Jahr war die Kongreßhalle mit kleineren Tagungen und Veranstaltungen gut belegt.

Das ist nun vorbei, für lange Zeit zumindest. Auf den zweiten Blick sah das Unglück nicht so schlimm aus, wie die ersten Nachrichten vermuten ließen. An der Vorderfront war das wie eine Hutkrempe überstehende Dach abgestürzt. Der Rand der „Krempe“, ein über hundert Meter langer, mannshoher hohler Ringbalken aus Beton, sechshundert Tonnen schwer, hatte das Vordach der Halle und eine Freitreppe zerschlagen. Im Innern der Halle ist aber bis auf ein paar zerbrochene Scheiben und ein Loch im Foyerdach alles intakt. Die Frage ist nur, wie lange der Rest noch hält. Denn die Dachkonstruktion ist so diffizil, daß sie durch den Absturz des Ringbalkens aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Wegen Einsturzgefahr wurde das ganze Gebäude sofort gesperrt. Zunächst mußten Verletzte geborgen und Trümmer beseitigt werden; niemand wußte, ob unter den Betonmassen noch Menschen lagen. Es mußte schnell, aber behutsam gearbeitet werden, weil jede Erschütterung weitere Zusammenbrüche verursachen konnte. So kam es, daß von den einhundertzwanzig Feuerwehrleuten und sechzig Angehörigen des Technischen Hilfswerkes, die an der Unglücksstelle eingesetzt waren, nur wenige wirklich arbeiteten. Ein Schaufelbagger nahm die Trümmer auf, ein Feuerwehrwagen zog mit einem Stahlseil die größten Brocken beiseite, ein paar Leute arbeiteten mit Preßlufthämmern und Bolzenschneidern. Die übrigen Helfer standen bereit oder löffelten an ihren weit entfernt abgestellten Fahrzeugen Suppe aus Styroporschalen. Fünf Verletzte wurden geborgen, zwei Redak- – teure des Senders Freies Berlin, die gerade zu einer Pressekonferenz wollten, liegen noch schwer verletzt im Krankenhaus. Das ist schlimm genug. Aber es hätte auch viel schlimmer kommen können. Wäre das Unglück einen Tag später passiert, dann wären Halle, Foyer und Vorplatz vom Deutschen Maklertag belegt gewesen. Aber der Schaden ist auch so groß genug. Kongresse und Tagungen müssen umorganisiert werden. Der Wiederaufbau der Halle wird viele Millionen Mark kosten – wie viele, das wagt noch niemand zu sagen.

Zunächst geht es einmal darum, die Ursachen des Unglücks und das Ausmaß des Schadens festzustellen. Noch gibt es nur Theorien, aber alle Fachleute vermuten das gleiche: Rißbildung im Beton, Eindringen von Nässe, Rost an der Stahlarmierung und zusätzlicher Verschleiß durch Klima-Einflüsse.