Weise wird Robinson ebensowenig, wie es sein Erfinder je wurde. Im zweiten Teil des Romans, den Defoe binnen fünf Monaten dem erfolgreichen ersten hinterherschickte, geht Robinson von neuem auf Reisen, erlebt wiederum Erfolge und Mißerfolge, ganz so, als ob Buße und Einkehr vergebens gewesen wären. Er treibt Handel, wird als vermeintlicher Seeräuber verfolgt, zieht mit einer Karawane durch China und Rußland und kehrt am Ende als ein reicher Mann in seine Heimat: zurück. Es ist derselbe Robinson, der, als er auf dem Wrack Gold entdeckt, ausruft: "Du Gift!" – und es dann doch einsteckt. Für alle Fälle.

Defoe war kein Philosoph, Widerspruchsfreiheit nicht sein Ziel. So verkörpert der "Robinson" einerseits die Utopie absoluten Neubeginns, andererseits jedoch ist Defoe pragmatisch genug, seinen Helden mit einer handlichen Notausrüstung zu versehen. Auf dem Wrack findet er fast alles, was er benötigt: Werkzeug, Kleider und die Bibel. Der Roman verkündet die Botschaft, daß jeder alles aus sich machen kann, wenn er sich bemüht – und wenn man um nur machen läßt. Er kann zum Schreiner und Töpfer werden, mit Hilfe seines Kopfes und mit der Kraft seiner Hände, und ebenso vermag er auch die Schrift zu lesen, ohne den Beistand der "Pfaffen", wie Defoe sie nennt. Und von selber wird er darauf kommen, daß ein Gott die Ordnung der Dinge geschaffen hat. Robinson führt dem Leser einen natürlichen Gottesbeweis vor – und nimmt so Stellung gegen die Glaubenskriege seiner Zeit. Es ist ein Plädoyer für Toleranz.

Es sind die allmählich entstehenden bürgerlichen Tugenden, denen Defoe hier unbewußt zum Ausdruß verhilft. England war, nach siegreichen Kriegen gegen Spanien und die Niederlande, zur ersten Seemacht erstarkt. Das Zeitalter des Handelskapitalismus erforderte genau das, was Defoe expressis verbis verurteilte: den abenteuerlichen Wagemut, das unternehmerische Risiko. Dieses fand in der Seefahrt sein extremes Betätigungsfeld. Gewinn und Ruin lagen hier so eng beisammen, daß die herrschende Religion sich mühen mußte, in alldem einen Gott wirken zu sehen, Robinson akzeptiert diese Perspektive, aber er ist auch jederzeit bereit, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er hilft sich selbst, und so hilft, ihm Gott. Deshalb liebten ihn alle, die seine Geschichte seither lasen.

Defoe war sich solcher Widersprüche nicht bewußt. Es waren die seines eigenen Lebens, und er gab ihnen wahrhaft naiv Gestalt. Dazu gehört, daß er die Ich-Erzählung, die der "Robinson" ist, als die einer authentischen Figur ausgibt. Tatsächlich hatte es einen schottischen Matrosen namens Alexander Selkirk gegeben, der 1704 auf einer Insel ausgesetzt wurde und mehr als vier Jahre dort verbrachte. Die zeitgenössischen Berichte darüber dienten dem Journalisten Defoe als Vorlage, die er jedoch so umarbeitete und ausschmückte, daß von Authentizität im engeren Sinn keine Rede sein konnte. Von Selkirk wird erzählt, daß er nach seiner relativ kurz währenden Einsamkeit kaum noch sprechen konnte, während Robinson selbst nach 28 Jahren noch fließend zu räsonieren versteht.

Nein, ein "getreuer Bericht wirklicher Begebenheiten", wie der "Herausgeber" Defoe in seiner Einleitung ankündigt, ist das Buch nicht, und es wurde auch so nicht verstanden. Hartnäckig jedoch hielt der Autor an der Fiktion der Nichtfiktion fest, und wütend setzte er sich gegen Verdächtigungen zur Wehr, er habe alles erfunden. Hatte er gar nicht begriffen, daß er einen Roman (seinen ersten) geschrieben hatte? Vielleicht auch bediente sich der Kaufmann Defoe einer Kaufmannslist: die mißliebige Ware, nämlich die Lust am Abenteuer und am freisinnigen Reden über Gott und die Welt, neutral zu verpacken.

Die Wirkung dieser Fiktion jedenfalls ist beträchtlich. Der scheinbar authentische Text schielt nicht nach den Weihen der Literatur. Defoe erzählt gradlinig und robust, unbekümmert um Feinheiten. Widersprüche in der Erzählhaltung stören ihn nicht. Er zielt nicht auf jene ausgefeilte Literarizität, die etwa eine Generation später Fielding und Sterne auszeichnet. Aus seinem Roman spricht ein dokumentarischer, ganz unpsychologischer Realismus, geschrieben von einem, der kein Literat war. Defoe liebt zum Beispiel Tabellen, in denen er etwa die Anzahl der Waffen und Mannschaften angesichts eines bevorstehenden Kampfes auflistet – oder auch die Vor- und Nachteile der Situation Robinsons. Er tut dies getreu der Devise, daß es immer etwas gibt, "was wir bei der Aufzählung von Gut und Böse auf die Habenseite setzen dürfen", ein Gedanke, der bis in die Wortwahl den Kaufmann verrät. –

Diese ungebrochene, quasi unliterarische, ganz wirklichkeitsgesättigte Erzählweise ist sicher einer der Gründe dafür, daß dem "Robinson" des Daniel Defoe etwas gelungen ist, was nur wenigen Romanen der Weltliteratur gelang: Eingang zu finden in die Volkskultur, ins kollektive Bewußtsein. Die Geschichte kennt jeder, ihren Autor kennen nur wenige. Ulrich Greiner