Als lateinisches Zitat steht in diesem sechsteiligen Buch: Erkenne dich selbst. Und wer, wie ich beispielsweise, umfassender traumatischer Erfahrungen ganzer Völker ziemlich gewiß ist, hält auch Selbsterkenntnis für nicht beschränkbar aufs Individuelle, scheinbar Ungeschichtliche. Eigenarten und Verhaltensprägungen, mit denen wir uns geschlagen wissen, ließen sich leichter tragen (und möglicherweise abbauen), entdeckten wir darin den historischen Ursprung. Wenn Literatur überhaupt einen Nutzen stiftet, dann vielleicht den solcher Einsicht.

Liest man den „Abenteuerlichen Simplicissimus“ unter diesem Aspekt, wird man erschrecken. Was unter der Kategorie „Schelmenroman“ dahinging und durch diesen Begriff (auch durch den Stil des Werkes natürlich) zugleich Neutralisierung erfuhr, ist eine Geschichte unmenschlicher Exzesse in der Form des Slapsticks, des schwarzen Humors, der blutigen Satire. Übersetzt man sich das ausschweifende, altertümliche Deutsch des 17. Jahrhunderts sowie die dezente und formelhafte Benennung der extremen Geschehnisse in seine eigene unmittelbare oder auch nur mittelbare Teilhabe an den Weltläuften, so erlebt man mit, was „Teutschland“ psychologisch nie bewältigen konnte und darum leichte Wiederkehr hatte. Aus dieser Sicht erscheinen das Dritte Reich, der Zweite Weltkrieg mit allen Begleiterscheinungen und noch die Spaltung nebst konträren militärpolitischen Allianzen, vom Gegensatz der Glaubensspaltung ganz zu schweigen, wie eine Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges mit anderen Mitteln.

Grimmelshausen, Autor dieses pseudobiographischen Berichtes, wußte, wovon er schrieb, da er als halbes Kind bereits in die Truppe geraten war. Wie von Selbstverständlichkeiten spricht er von Folter und Notzucht, Brandstiftung, Mord und Totschlag, und wohl in keinem andern Stück Weltliteratur wird soviel von Geld geredet wie in diesem: Es hat nahezu mythische Bedeutung. denn es verbürgt einerseits Rettung und Überleben, andererseits Tortur und Tod. Jene Meinung, erst in unserer „Moderne“ könne man alles kaufen, basiert auf Unkenntnis: Grimmelshausen widerlegt sie sofort.

Wie aus sonst keiner Geschichtsschreibung geht hier eindeutig hervor, warum dieser Krieg kein Ende nehmen wollte. Die überwältigende Vorherrschaft eines vergangenen militärischen Denkens schuf die Permanenz einer tödlichen Existenzweise: Beide Seiten, suchten nicht nur, ihre jeweiligen Kriegsgefangenen für sich in Dienst zu nehmen, was oft ohne Schwierigkeiten gelang, da es mit der Glaubenstreue, ob kaiserliche, ob schwedische, kaum weit her war, sondern man verkaufte die Gefangenen auch ungesäumt wieder an den „Feind“, der gleichermaßen verfuhr. Offensichtlich wurden Gefangene häufig nur wegen des Lösegeldes gemacht; in den höheren Rängen kaschierte sich der Seitenwechsel als Überzeugungstat. Tatsächliches Opfer war die Zivilbevölkerung, die den Rohstoff für die Kriegsmaschinerie lieferte, und erst als dieses Reservoir total erschöpft war, hörte der Krieg auf.

Dieser „Holocaust“ – ich scheue mich in diesem Falle des Wortes nicht – hat sich wahrscheinlich tief ins Unterbewußtsein der Deutschen gesenkt, und ihre Jahrhunderte währende Fixation an alles Militärische, so etwas wie ein „militantes Selbstbewußtsein“, resultiert aus dieser Zeit des Völkermordes, ja, des ethnischen Selbstmordversuches der Deutschen, den sie, stärker dezimiert als heute die Kambodschaner, zwar überlebten, doch ohne sich je wieder in das inzwischen fortgeschrittene Europa recht einordnen zu können.

Wie groß die Kluft selbst damals schon war, erlebt sogar unser Simplicissimus bei einem Aufenthalt im kriegsfernen, friedlichen Paris, dem darum auch eine besondere Idylle, ein erotisches Verweilen in einem Hörselberg bei einer verdreifachen Venus, zugeordnet ist. Nur Rußland, an seiner „Ostfront“ mit den Tartaren beschäftigt, bildet da eine Ausnahme, und wies dem Besucher Züge, die eigentümlich bekannt vorkommen. Im 21. Capitel des 5. Buches („Wie es Simplicio weiters in der Moskau erging“) liest man über den Aufenthalt unseres Helden unter anderem:

„Damals ging ein Mandat aus, daß man gleichwie unter den Einheimischen also auch unter den Fremden keine Müßiggänger bei hoher unausbleiblicher Strafe mehr leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brot vor dem Maul wegfräßen, und was von Fremden nicht arbeiten wollte, das sollte das ganze Land in einem Monat, die Stadt aber in vierundzwanzig Stunden räumen. Also schlugen sich unsrer bei fünfzig zusammen, der Meinung, unsern Weg in Gottes Namen durch Podoliam nacher Teutschland miteinander zu nehmen; wir wurden aber nicht gar zwo Stunden weit von der Stadt von etlichen reußischen Reutern wieder eingeholt, mit dem Vorwand, daß wir uns frevelhafterweise unterstanden, in so starker Anzahl sich zusammenzurotten und ohn Paß unsers Gefallens dero Landen durchziehen, mit fernem Anhang, daß ihre Majestät nicht unbefugt wären, uns unsers groben Beginnens halber nach Sibirien zu schicken.“