Der Traum der Geschlagenen: „Wir leben in einem neuen Korea“

Von Andreas Kohlschütter

Seoul, im Juni

Der Aufstand von Kwangju ist niedergeschlagen.“ Die Lage in der 350 Kilometer südlich von Seoul gelegenen Provinzhauptstadt mit ihren 800 000 Einwohnern hat sich nach außen hin wieder normalisiert – unter der Fuchtel der Armee, scharf bewacht von Panzern und Militärpatrouillen, die mit dem Finger am Abzug die einzelnen Stadtviertel durchkämmen. Soldatische Putztrupps beseitigen die Flut von Transparenten Und Plakaten der demonstrierenden Studenten, Bulldozer schieben die aufgetürmten Barrikaden aus Stein, Sand und Holz beiseite. Kranwagen schleppen ausgebrannte Busse ab. Die Spuren der zehn, von Angst, Schrecken und Blut erfüllten Aufstands-Tage sollen so schnell wie möglich beseitigt werden. Doch die geschlagenen Wunden sind noch lange nicht vernarbt, die tiefe Verbitterung hält an. „Das Leben geht weiter, aber wir sind alle herzkrank, wir können nicht mehr lachen“, erklärt ein amerikanischer Missionar.

In gewaltigen Kundgebungen hatten die Studenten und Schüler von Kwangju bis Mitte Mai für die Aufhebung des Kriegsrechts, die Beschleunigung der in Aussicht gestellten Verfassungsrevisionen, für die Abhaltung demokratischer Wahlen noch in diesem Jahr und für die Absetzung des Generalleutnants Chon Too Hwa, des neuen starken Mannes und Drahtziehers in Seoul, demonstriert. Der schickte am 18. Mai seine Fallschirmjäger nach Kwangju, die in einer brutalen Aufräumaktion mit Stiefeltritten, Gewehrkolben und Bajonetten Terror verbreiteten, Demonstranten schlugen oder zu Krüppeln prügelten, Passanten erstachen, Verletzte bis in die Notfallstationen der Spitäler verfolgten, Frauen und Mädchen zwangen, sich auf offener Straße nackt auszuziehen. Empört kommentiert der Direktor einer großen Mädchenschule: „Diese Truppen wüteten schlimmer als die kommunistischen Armeen, die 1950 in unser Land eindrangen.“

Der Amoklauf der Fallschirmjäger führte zur Solidarisierung der Bevölkerung mit den Studenten und löste den eigentlichen Volksaufstand aus. Die reißende Flut war nicht mehr einzudämmen. Polizeiposten, Fernseh- und Radiostationen, das Arbeitsamt und die Steuerverwaltung wurden gestürmt und in Brand gesteckt. Busse angezündet, Waffenarsenale aufgebrochen, Schützenpanzer und Armeejeeps erbeutet. Es kam zu verlustreichen Straßenschlachten. Die Polizei löste sich auf, die Verwaltung wurde evakuiert, die Paras und auch die später in die Stadt geschickten Infanteristen zogen sich zurück. Kwangju war für fünf Tage in der Hand der aufständischen Studenten und Bürger.

Doch dann zerbröckelte die Einheitsfront. Im Verlauf der Verhandlungen mit den Armeeeinheiten, die Kwangju umstellt hatten, spalteten sich die Studenten. Die Gemäßigten drängten auf eine friedliche Konfliktlösung, unter Verzicht auf die für die Militärs unannehmbaren Postulate. Scharfmacher, darunter eine Gruppe von Studenten aus Seoul, drängten darauf, für die demokratischen Forderungen zu kämpfen und, wenn nötig, zu sterben. Sie setzten sich durch. Aber auch die Bevölkerung war nicht mehr bereit, diese Radikalisierung mitzumachen. Vergeblich beschworen sie ein am 26. Mai per Flugblatt verbreitetes Gedicht: „Schließt euch zusammen, Bürger / Laßt uns gemeinsam kämpfen / Endlich entsteht eine demokratische Gesellschaft / Laßt uns bis zum Ende durchhalten / Studenten und Bürger vereint.“