So ungewöhnlich war dieser Mann, seine Herkunft, seine Art zu singen und zu spielen, daß ihn sich eine Gesellschaft der bürgerlichen Kultur nur mit erhabenen (in Wahrheit: verlegenen) Vergleichen und Bildern vom Leibe halten konnte: „Singendes Herz der Arbeiterklasse“, „Barrikaden-Tauber“, „Siegfried der Proleten“, „Genosse Ernesto“ – welcher Wortqualm für den am 22. Januar 1900 in Kiel geborenen Sohn eines Maurers. Hat nicht einer der Kritiker, die Eigenart und neue Kunst dieses singenden Arbeiters am frühesten erkannt haben, hat nicht Herbert Ihering gerade dies gerühmt: „Ernst Busch befreite den Volksgesang aus dem Gemütskitsch, in dem er zu versinken drohte“?

Er kam aus Spanischem Bürgerkrieg, Exil, Nazi-Haft und Todeszelle in eine gesamtsächsisch verspießernde DDR. Leute, die mit offenem Hemd, Hände in den Hosentaschen, Paul Dessaus Massenlied sagen: „Wir kämpfen und siegen für dich: Freiheit!“, waren da nicht so gern gehört – jedenfalls nicht, solange der Kampf um Freiheit nicht als historisch betrachtet werden durfte. In Brechts Berliner Ensemble konnte der Schauspieler überwintern. Der Sänger blieb stumm – bis zu einer Moskau-Reise 1957, wo man seine Lieder hören wollte.

Seinen ersten Auftritt hatte der Siebenjährige im Gesangverein „Maurer-Harmonie“ des Vaters in Kiel. Wenig später durfte er bei der Mai-Feier, allein, die zweite Strophe der „Internationale“ singen. So aufhaltsam ging es nicht weiter: Als er 1919 bei einer Schiller-Feier „Die Bürgschaft“ ohne das vertraute Pathos, sachlich, hart rezitierte, waren die Partei-Freunde schockiert. Und so jung und widerspruchsvoll und lebendig blieb Ernst Busch, den Ihering einen „Sänger und Schauspieler für die Jugend“ nannte, sein achtzigjähriges Leben, lang. Jetzt ist Ernst Busch gestorben; der letzte aus der Generation der Brecht und Weigel, Giehse, Neher, Becher, Eisler und Dessau. R. M.