Von Gerd Prause

Es ist eine erstaunliche Ausstellung, die jetzt im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum gezeigt wird, nachdem sie zuvor schon in Köln und München viele Besucher angelockt hatte: "Gold der Thraker – Archäologische Schätze aus Bulgarien". Erstaunlich nicht so sehr wegen ihres großen Edelmetallgewichts von insgesamt 30 Kilogramm Gold und einem Zentner Silber, sondern – und vor allem deswegen sehenswert – weil so überraschend nah bei uns eine fast völlig versunkene alte Hochkultur wieder ans Licht kommt, von der noch vor wenigen Jahrzehnten kaum mehr als einige griechische Berichte und mythologische Überlieferungen bekannt waren.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, die thrakische Kultur, die sich über einen großen Teil der Balkanhalbinsel erstreckte, archäologisch zu erforschen. Seitdem stieß und stößt man auf immer neue Überraschungen. Zum Beispiel auf die Tontafeln von Gradeschniza in Bulgarien, die zu den ältesten Schriftdenkmälern der Welt gehören, etwa gleichzeitig entstanden wie die der Sumerer. Oder, 1972, auf den zum erstenmal gezeigten Grabfund von Warna mit goldenen Schmuck- und Kultgegenständen aus der Zeit um etwa 3200 v. Chr., als in Ägypten die ersten Dynastien gegründet wurden.

Diese und viele andere Goldschmiedearbeiten von bewundernswerter Perfektion zeigen, daß die thrakische Kultur im Westen und Süden des Schwarzen Meeres, insbesondere im Gebiet des heutigen Bulgarien, schon zwei Jahrtausende vor der griechischen Zivilisation bestand. Wie aus anderen Funden hervorgeht, hielt sie sich bis in die römische Zeit. Ihre Blüte hatte sie im 6. vorchristlichen Jahrhundert. Dreihundert Jahre später, als das Gebiet von den Kelten erobert wurde, begann ihr Verfall.

Weiträumig und übersichtlich sind in Hildesheim 550 Stücke ausgestellt, jedoch ohne Beschriftung, so daß nicht nur der preiswerte Katalog, sondern auch Tonbandkassetten (mit Texten von Arne Eggebrecht und – in einer Ausgabe für Schüler – von Walter Konrad, den beiden Direktoren des Museums) unentbehrlich sind, um die Exponate zeitlich einordnen zu können und ihre Bedeutung zu verstehen. Bei manchen sind allerdings selbst die Thrakologen noch ratlos. So bei einem zum Schatzfund von Waltschitran (13. bis 12. Jahrh. v. Chr.) gehörenden dreiteiligen Gefäß aus Gold, 1190 Gramm schwer, dessen drei schalenförmige Teile auf eine komplizierte Weise mit gebogenen Elektronröhrchen untereinander verbunden sind. Wozu dieses Gefäß benutzt wurde, weiß niemand. Ungewiß ist auch die Funktion von großen runden goldenen Deckeln (Durchmesser bis zu 37 Zentimeter) mit großen Knäufen: ob es wirklich Deckel waren, ist nicht sicher; dazu passende Gefäße wurden nicht gefunden. Vielleicht waren es Musikinstrumente.

Unter den gezeigten Stücken sind verhältnismäßig viele, sehr schöne Rhytone, Trinkgefäße, die meisten aus Gold oder aus Silber und Gold, manche hornförmig, endend in Köpfen von Hirschen, Greifen, Widdern, Pferden, andere in Form von Amphoren oder Amazonenköpfen. Die Rhytone, ebenso die Trinkschalen und entsprechende Darstellungen auf anderen Gegenständen scheinen zu bestätigen, was die Griechen von den Thrakern erzählten, nämlich, daß sie gewaltige Trinker waren. Sie tranken Wein, süßen Wein; ihr Land, dichtete Pindar, war "voll von Reben und auch früchtereich". Um stets genügend Zeit zum Trinken zu haben, ließen die thrakischen Männer, die ansonsten nur Krieg führten und auf die Jagd gingen und sich um ihre Pferde kümmerten (die ihnen das wichtigste waren), ihre Frauen (jeder Mann hatte mehrere) die Feldarbeit verrichten und die Kinder großziehen. Und wenn die Kinder groß waren, verkauften die Thraker sie in die Sklaverei. Dies alles behaupteten jedenfalls die Griechen, die aber andererseits eingestanden, daß die Thraker tapfere Krieger waren. Und Herodot schrieb: "Das thrakische Volk ist nach dem indischen das größte der Erde. Wäre es einig, und hätte es nur einen Herrscher, so wäre es unbesiegbar und nach meiner Meinung bei weitem das mächtigste Volk, das es gibt."

Wer und wie die Thraker wirklich waren, die angeblich ihre Toten fröhlich zu Grabe trugen, aber die Neugeborenen beklagten, weil ihnen das schwere Leben noch bevorstand, das hoffen Archäologen und Historiker in den nächsten Jahren herauszufinden. Ihre Hoffnungen scheinen nicht unberechtigt. In Bulgarien sind bis jetzt fünfzehntausend thrakische Hügelgräber bekannt. Von ihnen wurde bisher nur der hundertste Teil ausgegraben!

Thraker war übrigens eine der bekanntesten und eigentümlichsten Gestalten der griechischen Mythologie und der Geschichte: der legendäre Orpheus. Er gilt als der erste thrakische König, als Priester und Religionsstifter, als Philosoph und als der sagenhafte Sänger, der mit seiner Stimme und seiner Leier nicht nur Menschen und Tiere, sondern sogar die Herrscher der Unterwelt, Hades und Persephone, zu bezaubern vermochte, so daß sie seine verstorbene Eurydike noch einmal ins Land der Lebenden zurückkehren ließen. Anläßlich der Hildesheimer Ausstellung gab der Mainzer Verlag Philipp von Zabern ein "archäologisches Kinderbuch" heraus, in dem Elke Böhr-Olshausen ihren Töchtern Aglaia und Julia die Geschichte des Sängers aus Thrakien auf so bezaubernde Weise erzählt (dazu Zeichnungen nach antiken Originalen von Heide Diederichs), wie Orpheus selbst sie kaum besser hätte vortragen können. (Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum bis zum 3.8.1980, Katalog 16 Mark.)